Kritik zu Marie Curie

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Eine Heldin für unsere Zeit? Marie Noëlles Biografie der visionären, idealistischen Physikerin ist ein gewissermaßen rationaler Abenteuerfilm um Entdeckerfreude und innere Freiheit, die den Vorurteilen ihrer Epoche trotzen

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Gleich zu Beginn stehen sie bereits auf dem Gipfel ihres Ruhms. Das Nobelkomitee wartet schon seit einem Jahr darauf, dass Pierre und Marie Curie ihren Preis für die Entdeckung der Radioaktivität in Stockholm entgegennehmen. Ein reicher Amerikaner möchte gar ein Rennpferd auf den Namen der gefeierten Physikerin taufen.

Der landläufigen Logik eines Biopic entspräche es, dass auf den Zenith des Erfolges nun eine Rückblende folgt. Der Stoff des Genres sind die Mühen der Anfangsjahre, die am Ende belohnt werden. Darauf muss Marie Noëlles Biografie der visionären Wissenschaftlerin nicht ganz verzichten: Die Mühen und Widerstände hören nach dem ersten Triumph nicht auf, und der Film strebt insgeheim schon einem weiteren Höhepunkt entgegen: Er liefert die Chronik der bewegten Jahre zwischen 1905 und 1911, als Marie Curie (Karolina Gruzka) erneut den Nobelpreis erhält, diesmal für die Isolierung des chemischen Elements Radium. Ein unorthodoxes Biopic ist er also mitnichten. Er gibt gar nicht vor, etwas anderes als eine Heldengeschichte zu sein; allerdings mit erfreulich nüchternem Elan erzählt.

Ein Jahr nach der Reise nach Stockholm kommt Pierre (Charles Berling) bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Noëlle genügen wenige Szenen, um zu zeigen, wie eng sie nicht nur durch ihre Forschungsarbeit verbunden waren, sondern auch durch ein reizvolles Liebesleben. Bis dahin stand Marie im Bewusstsein der Öffentlichkeit im Schatten ihres Mannes. Auch sie schmälert ihren Beitrag zunächst. Noëlle respektiert dieses Selbstbild unter Vorbehalt, arbeitet zielstrebig an der Erzählung einer weiblichen Selbstermächtigung. Marie setzt die Forschungsarbeit fort, überwindet die gesellschaftlichen Hindernisse, die es ihr anfangs verwehren, Pierres Lehrstelle an der Sorbonne zu übernehmen. Sie buhlt nicht um Anerkennung, sondern kämpft für das, was ihr zusteht. Ein weiterer Schicksalsschlag ist der Tod des Schwiegervaters (André Wilms). Als sie eine Liebesaffäre mit ihrem verheirateten Kollegen Paul Langevin (Arieh Worthalter) beginnt, droht sich die Öffentlichkeit wieder gegen sie zu wenden.

Weshalb dreht man in Deutschland (allerdings in Koproduktion mit Frankreich und Polen) einen solchen Film? Aus persönlicher Faszination und in der Hoffnung, dass sich Schulklassen für ihn interessieren werden. Beiden Impulsen wird »Marie Curie« gerecht. Das Drehbuch ist akribisch recherchiert. Daraus entsteht nicht zwangsläufig filmische Wahrhaftigkeit, aber Noëlles Regie findet zum Erzählmodus eines gleichsam vernünftigen Abenteuerfilms um innere Freiheit und Entdeckerfreude. Die Inszenierung steht im Dienst einer ereignis- und personenreichen Geschichte. Sie lässt sich auf die Schilderung eines anstrengenden Alltags ein, in dem Forschung, Kindererziehung und die Anfechtungen durch männliche Doppelmoral unter einen Hut gebracht werden wollen. Das Zeitkolorit tritt zurück, Kostüme, Maske und Szenenbild beschwören es eher dezent. Der Film ist wendig. Marie muss nicht aufhören, eine Frau ihrer Zeit zu sein, um eine moderne Heldin zu werden.

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