Kritik zu Ludwig II

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Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt: das Regieduo Peter Sehr und Marie Noëlle wagt ein neues Porträt des unglücklichen Märchenkönigs

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Er himmelt nicht seine Verlobte, sondern Richard Wagner, den »Kaiser der Kunst!«, an. In seiner Probe der Krönungsansprache steigert er sich in eine Vision für ein Bayern, in dem »gesungen und getanzt wird!«, hinein. »Geigen gegen Gewehre!«, deklamiert er beim Anblick seines neugegründeten Jugendorchesters, kurz vor Ausbruch des österreichischpreußischen Krieges 1866. Kronprinz Ludwig, mit 18 Jahren zum König von Bayern gekrönt, ist zu Filmbeginn ein Jüngling, der ein Leben in Ausrufezeichen führt und mit seiner Begeisterung für die schönen Künste ergebene Gefährten sammelt. Dem Zustand des »himmelhoch jauchzend« folgt, nach 16 Jahren und zwei ungewollten Kriegen, der Zeitsprung in sein Todesjahr 1886 und in die Phase des »zu Tode betrübt«, buchstäblich. Ludwig taucht in Fantasien vergangener Grandeur ein und verbarrikadiert sich in seinen Traumschlössern. Und dann leidet er ja auch unter schrecklichem Zahnweh.

Die Regisseure Peter Sehr und Marie Noëlle präsentieren die Stationen dieses kurzen Lebens als eine Abfolge von Momenten innerer Erregung, hinter denen Fakten zurücktreten – wie bei Ludwig, der die buchhalterische Realität königlich ignoriert. Mit Theatermime Sabin Tambrea fand sich die ideale Besetzung für den »Märchenkönig«. Jede Epoche bastelt sich ihren eigenen Ludwig-Mythos, und dieser ist sehr menschlich. Tambrea gibt mit vollem Einsatz seines langgliedrigen Körpers einen neurasthenischen Künstlertyp. Sein schwärmerischer Charakter wird durch die Energie, mit der er den Musikrebell Wagner in München durchsetzt, geerdet und wirkt ziemlich modern: kein dröhnender Halbgott wie O. W. Fischer, kein Dandy wie Helmut Berger, sondern ein quecksilbriger Jungspund, der bei aller Exaltiertheit stets weiß, was er will. In der zweiten Filmhälfte hat er sich vom androgynen Narziss zum dicken traurigen Schrat gewandelt: auch Sebastian Schipper ist als tief melancholischer Weltflüchter eine eindrückliche Figur.

Die Ästhetik des 13-Millonen-Euro-Films korrespondiert mit Ludwigs Manien; so ist die Atmosphäre nie plüschig, sondern, mit eleganten Kostümen und beweglicher Kamera in Ludwigs Sturm-und-Drang-Phase, fast beschwingt. Symbolträchtig lässt er die Wand des Audienzzimmers einreißen und durch einen Wintergarten erhellen. Melancholisch wird es dagegen im Todesjahr, in dem nächtliche Schlosskulissen – die Originalschauplätze Schloss Linderhof, Herrenchiemsee und Neuschwanstein – den geneigten Zuschauer mit Lichtspielen und Wagnerklängen in Ludwigs romantische Umnachtung locken.

Die oft erstaunlich leichtfüßige Inszenierung verzichtet auf das Psychologisieren oder eine sozialkritische Kontrastierung. Stattdessen werden Ludwigs Eskapaden durch eine feine Ironie gebrochen. So befiehlt er dem altgedienten Ministerpräsidenten Von der Pfordten im Vorbeigehen, sich gefälligst mit Wagner, den Pfordten einst einsperren ließ, zu vertragen. Auch die Nervenkrisen, die Ludwig nach dem schüchternen Kuss seiner Verlobten Sophie wie nach dem leidenschaftlichen seines Stallmeisters Hornig (Friedrich Mücke) erleidet, haben eine zartkomische und rührende Note. Das gilt auch für Ludwigs Sublimierung seiner Homosexualität, die mit seiner libidinösen »Lohengrin«-Besessenheit kurzgeschlossen wird. Anders als bei Visconti lässt sich Ludwig fortan nur von der schönen Muse küssen.

Die Nebenfiguren, ein Who's Who deutscher Darsteller, wirken allerdings wie Kraut und Rüben zusammengeworfen. »Wagner« Edgar Selge kommt ebenso zu kurz wie »Sissi « Hannah Herzsprung. Tom Schilling versucht als Bruder Otto erfolglos Klaus Kinskis Paranoia nachzuempfinden, »Mutter« Katharina Thalbach nervt mit Overacting. Das Drehbuch hat, so heißt es, bisher unbekannte Briefwechsel von Ludwig, die wohl sein Verhältnis zu Napoleon III. und Bismarck betreffen, berücksichtigt. Erhellend ist aber nur eine Bemerkung des Preußen, in der er sinnbildlich sagt, dass man dem von Finanzbeamten und Gläubigern getriezten König doch Narrenfreiheit gewähren solle: besser schöne Häuser bauen, Handwerker und Künste fördern als Kriege führen. So ist das opulente Historiendrama vor allem eine klammheimliche Liebeserklärung an Ludwig II., den Schwanenritter von der traurigen Gestalt.

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