Kritik zu Goethe!

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Ein Mann, eine Frau, ein erster Roman: Kann Philipp Stölzls flotter Dichterfilm für das deutsche Verlagswesen das leisten, was »Harry Potter« fürs englische getan hat?

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Mit der Besteigung der »Nordwand« profilierte Philipp Stölzl sich im urdeutschen Genre des Bergfilms. Nun macht er sich daran, ein noch größeres Monument deutschen Kulturgutes zu erklimmen. Die teilweise belegte Entstehungsgeschichte von Goethes erstem erfolgreichen Roman liefert dem früheren Videoclip-Regisseur Stoff für einen pittoresken Bilderbogen.

Der »Dichterfürst« hat seine künstlerische Initiation noch vor sich, als er nach gescheitertem Juraexamen von seinem strengen Vater in die Provinz verbannt wird. In einer postmodernen Mischung aus Dichtung und Wahrheit begegnet er hier seiner großen Liebe. Miriam Stein verkörpert Goethes Lotte als patente Multitasking-Ersatzmutter, die mehr ist als des jungen Dichters Muse: Sie versteht, selbstverständlich, etwas von Literatur und bringt den entmutigten Poeten wieder dazu, an sich zu glauben. Und sie veröffentlicht den ihr zugeeigneten »Werther«, der Goethes europaweiten Ruhm begründen soll.

Stölzls Film über den verliebten Poeten ist betont prosaisch. Goethe erscheint cool, nur zweimal darf er ein Gedicht aufsagen. Alexander Fehling in der Hauptrolle mutet an wie der Held in einem Mantel-und-Degen-Film. Auf die romantische Sehnsucht, die Goethe in seinem »Werther« literarisch ummünzte, macht Stölzl sich vorwiegend visuell einen Reim. Eigentliche Attraktion seines Biopics sind die Bilder. Goethes Ankunft im Wetzlar des Jahres 1772 ist optisch großartig gestaltet. Beeindruckend etwa der erste Gang durch die düstere Kanzlei, in der die Aktenbündel aus Platzmangel zu Hunderten von der Decke herabhängen. Durch den Einsatz von Farbfiltern wirken die Aufnahmen leuchtend und abgeblasst zugleich. So fügen sich die historischen Gewänder harmonisch in den Hintergrund ein, es entsteht nicht der Eindruck eines »Kostümschinkens «.

Fachwerk und Patina werden allerdings überbetont. Die dekorativen Gänse laufen zu oft durchs Bild, die Szene verengt sich zu einer touristischen Führung durch das 18. Jahrhundert. Mit viel Aufwand wird gezeigt, dass hier die Kutsche nicht wie sonst im Historienfilm über jenes Kopfsteinpflaster rattert, das ja erst hundert Jahre später verlegt wurde: die Straßen sind knöcheltief mit Matsch bedeckt. Auch wenn es nicht regnet. Der Schmutz erscheint aber wie sauberer Designerdreck. Man denkt weniger an einen von Corbuccis schlammigen Italowestern als an den Zuckerbäckerstil von Tim Burton.

»Goethe!« ist kein Film für Germanisten und Leseratten. Das »Buch zum Film« wird man hernach nicht aufschlagen. Zwar blitzen hier und da einige bekannte, allzu bekannte Motive aus dem Goethe-Universum auf. Man hat nicht den Eindruck, dass dies ein Film über eine große Figur der Schriftkultur ist. Auf ihre Kosten kommen Kinozuschauer, die für ihr Eintrittsgeld ein visuelles Spektakel, einen »Goethe in Love« erwarten und das Kleingedruckte gegebenenfalls bei Wikipedia nachlesen.

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