Kritik zu Frantz

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François Ozon modernisiert einen Stoff, den schon Ernst Lubitsch adaptiert hat: Die Geschichte eines jungen Franzosen, der von Schuldgefühlen geplagt ist, weil er als Soldat im Ersten Weltkrieg einen Deutschen getötet hat. Ein Antikriegsfilm? Schon auch. Es steckt aber noch mehr dahinter...

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Der französische Soldat greift seinem deutschen Gegner von hinten über die Schulter. Nicht, um ihm die Gurgel durchzuschneiden, sondern um zärtlich seinen Violinbogen zu führen. Die Umarmung der beiden Männer ist schmerzlich, weil der Zuschauer längst weiß, dass der Deutsche, Frantz, tot ist, gefallen auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs. Allein die Sehnsucht des Franzosen erweckt ihn zum Leben. Musik statt Krieg, so könnte man die Schlüsselszene in François Ozons neuem Film beschreiben. Der Regisseur von »Swimming Pool« und »8 Frauen« inszenierte eine Mischung aus Historiendrama und Antikriegsfilm. Dabei werden auch die Koordinaten der sexuellen Orientierung neu justiert.

Auf die Geschichte nach Maurice Ros­tands Theaterstück »L'homme que j'ai tué« griff schon Ernst Lubitsch zurück. Sein Melodram »Broken Lullaby« von 1931 erzählt die bewegende Geschichte eines Franzosen, der den Blick jenes deutschen Soldaten nicht vergessen kann, den er im Schützengraben getötet hat. Auf seiner Reise in ein deutsches Kleinstädtchen sucht er Vergebung, wagt es aber nicht, den Eltern die Wahrheit zu sagen. Seine Notlügen bewirken bei dem verbitterten Vater, der in jedem Franzosen einen Mörder seines Sohnes sieht, jedoch ein Umdenken.

In Lubitschs Film ist das Happy End ein Plädoyer für den Pazifismus. In seiner Neuinterpretation des Stoffes verschiebt Ozon die Perspektive. Durch diesen Kunstgriff wird die eigentliche Motivation des jungen Franzosen, der sich kurz nach dem Versailler Vertrag ausgerechnet nach Deutschland in die Höhle des Löwen begibt, behutsam thematisiert. Wie bei Lubitsch lässt Frantz' Vater (Ernst Stötzner) sich von Adriens erfundener Geschichte über seinen gefallenen Sohn das Herz erweichen für eine französisch-deutsche Versöhnung. Den blutrünstigen Revanchisten am Stammtisch hält er entgegen, sie, die Väter, hätten ihre Söhne blindlings in den Krieg geschickt. Anders als Hanekes themenverwandtes, ebenfalls in Schwarzweiß gedrehtes Historiendrama »Das weiße Band« lotet Ozon die aufkommende NS-Stimmung eher bodenständig aus.

Ozon drehte in der historischen Altstadt von Quedlinburg im Harz. Vor der Kamera sind Ernst Stötzner, Marie Gruber und Johann von Bülow zu sehen. Trotzdem hat »Frantz« nicht die Behäbigkeit vergleichbarer deutscher Produktionen. Die historische Rekonstruktion wirkt glaubhaft, weil Ausstattungsdetails sich nie in den Vordergrund drängen und man die Kutsche immer nur aus dem Bild huschen sieht. So wird deutsch-französische Annäherung auch formal akzentuiert: »Frantz« ist ein Croissant, das in Deutschland gebacken wurde – aber trotzdem schmeckt wie vom Bäcker in Paris.

Wenn Ozon im Jahr 2016 auf einen Stoff aus den 30ern zurückgreift, dann will er nicht noch einmal sagen, wie furchtbar der Krieg ist. Ging es bei Lubitsch darum, dass die Lüge »Wahrheit« hervorbringt, so kehrt Ozon nun hervor, dass sich hinter der Lüge noch eine weitere verbirgt. Lubitschs Melodram, in dem das fadenscheinige heterosexuelle Happy End die homoerotische Motivation des französischen Soldaten verschleiert, wird gegen den Strich gebürstet.

Entsprechend ist »Frantz« wie eine Spiegelfuge strukturiert. Nach dem ersten Abschnitt, der sich weitgehend an »Broken Lullaby« orientiert, zeigt der zweite Teil, in dem Anna dem abgereisten Franzosen sehnsüchtig in dessen Heimat folgt, dass dieser Mann nicht der ist, den sie sich in ihrer Fantasie ausmalte. In den stärksten Momenten erweckt Adrien (überzeugend: Pierre Niney) in seiner Fantasie den toten deutschen Soldaten Frantz auf morbide Weise zum Leben. Mit dieser Umarmung des Todes, die zugleich eine tödliche Umarmung ist, gelingt Ozon eine etwas andere Romanze in Moll. Dass die Frau, die nach dem Verlust ihres deutschen Verlobten ein zweites Mal enttäuscht wird, dennoch handelnde Figur bleibt, macht den Film zu einem faszinierenden emotionalen Vexierspiel.

Meinung zum Thema

Kommentare

Komme gerade aus dem Film.
Sehr gute Filmkritik.
Kleiner Schönheitsfehler im Text:
Der erste Schauplatz des Films,Quedlinburg, liegt am "Harz" und nicht am "Hartz".
Hat auch nichts mit "Hartz IV" zu tun.
Aber vielleicht hat der Autor sich ja von der ungewöhnlichen Schreibweise des Filmtitels "Frantz" verleiten lassen.
Sei's drum: endlich mal wieder eine meisterhafte Film-Erzählung!

Online ist es nun geändert. Danke für den Hinweis.

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