Kritik zu Einsam Zweisam

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Die alte Geschichte von den zwei Menschen in der Großstadt erzählt Cédric Klapisch mit neuer Gewichtung auf die individuelle Entwicklung

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Es ist nicht das erste Mal, dass diese Geschichte erzählt wird: Zwei einsame Großstädter leben in benachbarten Wohnungen, kaufen beim selben Gemischtwarenhändler ein, laufen Tag für Tag dieselben Straßen entlang, ohne sich zu kennen – und passen doch so gut zusammen! Zumindest denkt man, dass Cédric Klapisch in »Einsam Zweisam« auf diese Art von Geschichte hinauswill, aber sein Film schlägt so viele Umwege ein auf dem Weg zur Romanze, dass diese Umwege zur eigentlichen Geschichte werden. Und die ist letztlich gar nicht so romantisch.

Rémy (François Civil) und Mélanie (Ana Girardot) sind beide auf unterschiedliche Weise Verwundete. Mélanie kommt nicht über die Trennung von ihrem letzten Freund hinweg, der sie nach über einem Jahr des Zusammenwohnens verlassen hat. Den Anforderungen bei der Arbeit, wo man die Biochemikerin als junge Wissenschaftlerin schätzt, fühlt sie sich nicht mehr gewachsen; sie zieht sich in den Schlaf zurück und glaubt sich von einer schweren Krankheit befallen. Rémy ist aus der abgelegenen Alpenprovinz weg von der Familie nach Paris gezogen und wirkt sowohl von seinem Job in einer Logistikfirma als auch dem Großstadtleben überfordert. Als um ihn herum Leute entlassen werden, während man ihn befördert, bekommt er vor lauter Schuldgefühl Panikattacken. Dem Therapeuten, den er aufsucht, erklärt er als erstes, dass er natürlich nicht verrückt sei. Es fällt ihm schwer, sich jemandem anzuvertrauen.

Der Film stellt Rémy und Mélanie als traurige Gestalten vor – aber nicht als Gescheiterte. Das ist das Schöne an dieser kleinen, gelungenen Großstadtromanze: Klapisch stellt seinen Helden nicht nur ein Happy End in Aussicht, sondern ein tatsächliches Wachsen. Der Film zeigt, wie Rémy und Mélanie noch vor der Begegnung in allmählichen Schritten aus ihrer jeweiligen seelischen Notlage herausfinden, ein Prozess, den Klapisch mit großer Anteilnahme aber auch einem gewissen Optimismus begleitet. Ein kleines weißes Kätzchen spielt als Zufallsagent eine nicht unwichtige Rolle – und natürlich die Stadt selbst, die hier eben nicht als Klischee der Anonymität ausgestellt wird, sondern als ein sich ständig bewegender Organismus, der vielerlei Anschlussmöglichkeiten bietet.

Wie gesagt, Klapisch erzählt hier nichts wirklich Neues, aber er tut es mit einer solch gelungenen Mischung aus Empathie und Humor, dass auch der abgehärtete Zuschauer sich kaum entziehen kann. So sorgfältig konstruiert die Bilder sind, in denen der Film seine zwei Protagonisten zusammenbringt, lange bevor sie sich kennen, so elegant und dabei natürlich entwickelt das Drehbuch die Gelegenheiten dieser Beinah-Begegnungen. Der Feueralarm ein Haus weiter, bei dem beide auf der Straße stehen und um das Überleben eines aus den Flammen geretteten Manns bangen etwa, oder immer wieder der Laden von Mansour (Simon Abkarian), wo beide sich mit wissendem Lächeln vom ungeheuer überzeugend auftretenden Verkäufer ein ums andere Mal die bessere, aber teurere Ware aufschwätzen lassen.

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