Kritik zu Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Kleiderschrank feststeckte

© Capelight Pictures/SquareOne Entertainment

1001 Nacht meets Flüchtlingskrise: Die neue Komödie von Ken Scott (»Starbuck«) spielt in Indien und verbindet Absurdes und Reales

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Man wundert sich über den Titel. Die skandinavischen Filme über den »Hundertjährigen, der...« fallen einem ein oder die Märchen aus 1001 Nacht. Man fragt sich, ob es eine ernsthafte Ebene geben wird in diesem Film, oder ob man schlicht westlichen Klamauk ins Indische übersetzt hat. Immerhin ein Fakir. Dabei ist Ken Scott der Regisseur von Filmen wie dem kanadischen »Starbuck« und dessen ameri­kanischem Remake »Der Lieferheld« über ­einen Vater von 533 Kindern beziehungsweise einen einsamen Mann, der Liebe sucht. Beide Filme waren Publikumserfolge.

Diesmal hat sich der kanadische Regisseur den indischen Subkontinent vorge­nommen, um eine durchweg europäische Geschichte zu erzählen. Ein kleiner Junge lebt in Mumbai davon, Touristen zu betrügen. Zu seinem Leidwesen hat er keinen ­Vater, die Mutter nervt er mit ständigen ­Fragen. Erst nach ihrem Tod erfährt er, dass sein Erzeuger ein französischer Straßenkünstler sein soll, der seine Mutter auf einer Reise durch Indien kennenlernte. Seine Mutter träumte deshalb ihr Leben lang von Paris. Kaum erwachsen, macht sich der ­Junge auf den Weg.

Doch Europa, so bekommt er schnell mit, ist der Kontinent der Flüchtenden, und so landet er, kaum dass er sich in einem Ikea-Schrank versteckt hat, in einem Truck nach London. Natürlich wollen ihn die Briten nicht, Inder hin oder her, sein Pass wird einbehalten und vernichtet. Die Odyssee, die nun beginnt, führt ihn über Spanien, Italien und Libyen zurück nach Indien. Eine Rückführung mit forciertem Humor, könnte man sagen, oder ein Zirkelschluss mit politischem Tiefgang. Denn sein Schicksal steht beispielhaft für all die Sudanesen und Syrer, die an den europäischen Grenzen scheitern.

Es gibt nur wenige Komödien, die es schaffen, Albernheit, Slapstick und realpolitischen Kommentar so klug zu verbinden. Man lacht, schämt sich und findet Zustimmung und Ablehnung in trauter Zweisamkeit. Das Flüchtlingsszenario als Farce, als aufgeblasener Nebenschauplatz der globalen Krise. Ken Scott versteht es meisterhaft, das Reale, das Unglaubliche und das Ab­surde zu verbinden. Sein »Lieferheld« bemüht sich zum Schluss glaubhaft darum, all seinen 533 Kindern ein Vater zu sein. In ähnlicher Weise ist sein Fakir Aja (Dhanush) eine Märchenfigur und ein Lehrmeister gleichermaßen. Wenn er am Schluss seinen Schülern in Mumbai von seinen europäischen Abenteuern erzählt, dann wird er tatsächlich zur modernen Version einer Scheherazade, deren Erzählung einer guten Geschichte sie stets eine weitere Nacht am Leben hält. Zumindest bis seine flüchtige Bekanntschaft aus Paris, die gestrandete Amerikanerin Marie (Erin Moriarty), vor seinem indischen Klassenzimmer auftaucht ...

»Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Kleiderschrank feststeckte« ist eine dieser seltenen Komödien, die an jeder Stelle so tun, als ob, so dass man sie durchweg genießen kann, ohne sich unter Niveau unterhalten zu fühlen.

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