Kritik zu Close

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In seinem zweiten Spielfilm nach dem großen Erfolg mit dem Transistions-Drama »Girl«, erzählt der 31-jährige belgische Regisseur Lukas Dhont von einer Jungsfreundschaft, die unter dem Druck pubertären Gruppenzwangs zerbricht

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Nur ein Flüstern ist zu hören. Die Stimme eines Jungen. »Was machen wir jetzt?«. Eine zweite, kaum mehr als ein sanftes Zischen: »Sei leise! –, Warte, ich sehe nach – Nein, bleib hier!« Erst dann taucht ein Bild aus dem Schwarz auf. Zwei Jungs verstecken sich vor einer unsichtbaren Ritterarmee, umzingelt von mindestens 80 Mann. »Hörst du nicht die Schritte und das Klappern der Rüstungen?« Auf drei, zwei, eins rennen die beiden los, durch den Wald auf ein weites Feld, durch ein Blütenmeer, lachend und leicht, immer weiter. »Close« beginnt leise, intim und verspielt. Und setzt damit bereits in den ersten Sekunden den Ton für seine zärtliche, tieftraurige Geschichte über die innige Freundschaft zweier 13-Jähriger, am Ende ihrer Kindheit, und den Schutzschildern, die es braucht, um zu überleben.

Léo (Eden Dambrine) wächst in einer glücklichen Familie von Blumenzüchtern auf. Zusammen mit seinem älteren Bruder hilft er im Sommer bei der Ernte, genießt offenbar unbeschwert das Leben. Vor allem mit Rémi (Gustav De Waele), seinem besten Freund und Seelenverwandten. Die beiden sind unzertrennlich, spielen und lachen zusammen, nehmen sich liebevoll in den Arm. Wenn einer beim anderen übernachtet, schlafen sie eng aneinandergeschmiegt ein. Als unausgesprochen vielleicht größten Liebesbeweis lässt Rémi seinen Freund sogar zuhören, wenn er Oboe übt. In beiden Familien ist der andere jederzeit willkommen, Rémis Mutter nennt Léo »meinen Herzens-Sohn«. Gemeinsam schmieden die Jungs Pläne, wenn sie einmal groß sind. Léo will die Welt sehen, Rémi will mit ihm gehen. Ihr Liebe zueinander ist zart und unschuldig, undefinierte Vorpubertät. Bis der erste Tag auf dem Gymnasium alles verändert. »Seid ihr ein Paar?«, fragen die Mitschüler, denen die Nähe zwischen den Jungs suspekt ist. Rémi schenkt dem zunächst wenig Beachtung, aber Léo ist erschrocken. Was soll das bedeuten, ist das ein Vorwurf? Instinktiv geht er Rémi gegenüber auf Distanz weist ihn schließlich schroff zurück. Stattdessen sucht er Anschluss bei den tafferen Jungs, meldet sich beim Eishockeyteam an. Darüber zu sprechen scheint unmöglich, wie ein Keil wirkt der Blick der anderen zwischen ihnen. Rémi versucht die Ablehnung hinzunehmen, Léos Verrat an der Freundschaft. Aber er ist zutiefst verletzt und es bleiben schmerzhaft nagende Fragen zu seinen eigenen Gefühlen und seiner Identität. Für ihn bricht eine Welt zusammen. Und er sieht nur noch einen Ausweg.

Nach seinem Regiedebüt 2018, dem preisgekrönten Transitionsdrama »Girl«, beobachtet der inzwischen 31-jährige Belgier Lukas Dhont in seinem zweiten Spielfilm »Close« ebenso wohlwollend wie einfühlsam, den Alltag zweier Jungen, die noch nicht wissen, wer sie sind und wen sie begehren. Die keine Begriffe für ihre Beziehung zueinander haben. Und deren Band zerbricht, weil die Welt genau das verlangt, sie in eine Schublade stecken will. 

Dhont reflektiert, wie bereits im Schulalter der Gruppenzwang das Verhalten konditioniert und damit die freie individuelle Entfaltung einschränkt. Es herrscht ein rauer Ton, in der Gewalt normalisiert wird. Der Austausch von Zärtlichkeiten ist per se verdächtig, zwischen Jungs allemal. Der Schulhof wird zum Schlachtfeld, auf dem pubertär ungebremst ausagiert wird, auch der Hass gegen das, was man selbst nicht ist. Oder nicht sein will.

So herzzerreißend diese Geschichte ist, inszeniert sie Dhont bedacht und zurückgenommen. Eine Tragödie zieht den Boden unter den Füßen weg, doch das Leben geht weiter, irgendwie. Und mit der Zeit lernt man, den Verlust anzunehmen, mit der Leerstelle zu leben, so die tröstliche Geste. »Close« ist in all seiner Sensibilität ein radikales Werk. Und zeigt im Porträt dieser intensiven Jungsfreundschaft auch, wie stark sich Geschlechterrollen in den jüngerer Generationen verändert haben. Ein Film wäre in dieser Fluidität noch vor zehn Jahren kaum denkbar gewesen. 

Wie nebenbei beweist Dhont dabei einen ebenso poetischen wie präzisen Blick für kleinste Momente, in den Gesten seiner Figuren, die Kamera von Frank van den Eeden ist dabei oft ganz nah dran. Vor allem in der ersten Hälfte sind die Jungs ständig in Bewegung, ihr Miteinander ist choreographiert wie ein Tanz des Alltags. Ihre Körper sind dabei Teil der sich ständig wandelnden Natur, dem warmen Farbenmeer blühender Felder und der Wälder, in ihren Gesichtern das Licht der abendlichen Sonne, alles ist im Fluss, untermalt von der schwelgerischen Musik von Valentin Hadjadj.

Das Herz des Films ist der Darsteller des jungen Léo. Eden Dambrine verkörpert diesen Jungen mal energisch, mal sensibel und mit einer berührenden Melancholie. Mit seiner höchst authentischen, unwiderstehlichen Präsenz trägt er den Film. Auch der Rest des herausragenden Ensembles spielt dieses interfamiliäre Miteinander natürlich und als organisches Ganzes, von Gustav De Wael als Rémi bis zu Léa Drucker und Émilie Dequenne (die für ihre Rolle im Dardenne-Brüder-Drama »Rosetta« in Cannes 1999 als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde) als die Mütter der beiden. 

Von Dhont und seinem »Girl«-Koautor Angelo Tijssens geschrieben, ist »Close« ein intimes Drama, das aus nächster Nähe vom kurzen Moment vor dem Erwachsenwerden erzählt, an dem viel passiert, was das spätere Leben prägt, und manches unwiderruflich endet. Der Film erinnert eindrücklich daran, dass Gefühle und Handlungen immer auch Konsequenzen für andere haben. In Cannes gab es für dieses kleine Kinowunder im Mai zurecht den Grand Prix der Jury. Und nun geht »Close« für Belgien ins Oscarrennen.

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Ein wunderbarer Film, authentisch und sensibel gespielt in allen Facetten.

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