Kritik zu Girl

© DCM/Universum Film

2018
Original-Titel: 
Girl
Filmstart in Deutschland: 
18.10.2018
Musik: 
L: 
105 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Lara, 15, wurde als Junge ­geboren. Sie steht kurz vor ihrer Hormonbehandlung, ist in eine neue Stadt gezogen – und strebt eine Karriere beim Ballett an. Eine komplizierte Gemengelage, die Lukas Dhont in seinem ­Spielfilmdebüt in eine fast ­durchweg überzeugende drama­tische Form bringt

Bewertung: 4
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Ballettfilme sind Körperfilme. Besonders aktuellere Genrebeiträge wie Darren Aronofskys düsteres Psychogramm »Black Swan« oder der dänische Thriller »Darling« nutzen die schmerzhaften Trainingseinheiten, die auf dem Weg zur Perfektion durchgestanden werden müssen, als Anlass für eine Auseinandersetzung mit dem uralten Kampf zwischen Geist und Körper. Zum visuellen Repertoire gehören Close-Ups malträtierter Zehen, die vom unerbittlichen »Piqué«, dem Stechen der Füße auf den harten Boden, blutig und gequetscht sind. Tropen wie diesen nutzt der junge belgische Regisseur Lukas Dhont in seinem bewusst unspezifisch betitelten Debüt »Girl«, um von einem Mädchen zu erzählen, das sich auf  besondere Weise mit seinem Körper auseinandersetzen muss: Lara wurde als Junge geboren, steht nun aber kurz vor dem Beginn ihrer Hormonbehandlung, die sie auch biologisch zur Frau machen soll. Gleichzeitig trainiert sie an einer der renommiertesten Tanzschulen Europas.

Lara ist zu Beginn des Films mit ihrem Vater und ihrem kleinen Bruder in eine ungenannte belgische Stadt gezogen, um dort dem Traum vom professionellen Tanzen zu folgen. Zunächst fällt auf, wie angenehm zurückhaltend Regisseur und Autor Dhont ihr Umfeld einführt: Irritationen oder gar Anfeindungen gibt es im Schulalltag fast gar nicht, ihre Mitschüler nehmen Lara selbstverständlich in ihre Mitte auf. Selbst eine frühe heikle Szene, in der ein Lehrer die Klassenkameradinnen per Handzeichen darüber abstimmen lässt, ob sich Lara in der Mädchenumkleide umziehen darf, löst der Film mit bestechender Beiläufigkeit. Zu spüren ist aber auch, dass »Girl« mit seinem durchaus harmonischen Anfang zum emotionalen Tiefschlag ausholt.

Denn obwohl es in »Girl« weniger um offene transphobe Aggression geht als in vielen anderen Filmen zum Thema – etwa im letztjährigen Oscarpreisträger »Eine fantastische Frau« –, macht der Film subtil deutlich, wie isoliert Lara von der »normalen« Welt lebt: Durch geschickt gesetzte Bildausschnitte, besonders auch in den virtuosen Ballettszenen, wird die Entfremdung sichtbar, die Laras Verhalten im Laufe der Erzählung zunehmend beeinflusst. Dazu kommt der unwahrscheinliche Druck, dem sie sich in der kompetitiven Umgebung aussetzt. Es ist ein großer Verdienst des Films, dass er dieses Unbehagen seiner Hauptfigur hauptsächlich visuell statt narrativ zu vermitteln sucht – mit Ausnahme einer nur schwer zu ertragenden Mobbingszene, in der sich ­Laras Klassenkameradinnen gegen sie wenden. Fragwürdig wirkt in diesem Zusammenhang nur das extrem heftige Ende, das nicht so recht zu der zuvor eher behutsamen Plotentwicklung passen will.

Im Zentrum dieses gelungenen Debütfilms steht der überragende Hauptdarsteller und Profitänzer Victor Polster, der in beinahe jeder Einstellung zu sehen ist und in Cannes mit einem Darstellerpreis bedacht wurde. Polster überzeugt als Lara nicht nur in den Tanzszenen, sondern auch besonders in der Interaktion mit Mathias, dem fürsorglichen Vater (Arieh Worthalter) seiner Figur. Die Gespräche zwischen Vater und Tochter gehören zu den stärksten Momenten des Films; denn obwohl sich Mathias alle Mühe gibt, Lara zu unterstützen, wird rasch klar, dass er Laras gewaltige Herausforderungen kaum nachvollziehen kann.

»Girl« nimmt sich dieser Herausforderungen seiner Protagonistin – von der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper bis zu den verwirrenden ersten sexuellen Erfahrungen – mit großem Verständnis und Feingefühl an. Gerade ein junges Publikum führt der Film so an das Thema Transsexualität he­ran, ohne Laras Entscheidung für eine Hormontherapie und Geschlechtsumwandlung zu vereinfachen oder zu heroisieren. Der zunehmend düstere Verlauf der Handlung weist – trotz eines überzogenen Schockmoments am Ende – zu Recht auf die oft fatalen Folgen des gesellschaftlichen Drucks auf Transpersonen hin.

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