Armer Döblin!

»Berlin Alexandserplatz« (DE, 2019)
»Berlin Alexanderplatz« (2019). © Entertainment One

Fassbinders Verfilmung von »Berlin Alexandserplatz« fürs Fernsehen gilt landläufig als Meisterwerk. Günter Lamprecht zumindest war ein glaubwürdiger Franz Biedenkopf. Alle anderen Adaptionen von Alfred Döblins Jahrhundertroman sind da nur Annäherungen, Heinrich George hin oder her. Der afrikanische Drogendealer Francis in Burhan Qurbanis Version des Stoffes, der ihn für die Gegenwart tauglich machen will, wirft vor allem eine Frage auf: Warum mußte er Döblin bemühen, um das schmerzhafte Schicksal eines afrikanischen Flüchtlings zu erzählen, dem die Motive aus dem Roman der zwanziger Jahre eher im Weg stehen als nützen. Mit dem sehr überzeugenden Film »Wir sind jung. wir sind stark« von 2014 hat sich Qurbani mit den rassistischen Pogromen von Rostock-Lichtenhagen beschäftigte und gezeigt, wie konzentriert er arbeiten kann. »Berlin Alexanderplatz« hingegen ist ein fahriges, monströses Theater um einen illegalen Einwanderer und die kriminelle Berliner Szene unserer Zeit. War Döblin vor allem darum bemüht zu zeigen, dass der Mythos in die Gegenwart hineinregiert, also das Heute im Immerschon gefangen ist, findet der Flüchtling Francis sich plötzlich als Franz wieder und muß sich allenfalls dem Willen eines mit dem Romanvorbild nur vage verwandten Reinhold beugen. Warum dieser Reinhold zu Beginn des Films im Schildkrötengang mit Baseballmütze durch die Gänge des Asylantenheimes schleicht und sich am Schlußss derart emanzipiert, dass er aufrecht im Dieter-Nuhr-Look dahinschreitet, erschließt sich auch nur Eingeweihten. Allen anderen wird eine nervige Freak-Show zugemutet, die zwischen Disco-Wummern und Drogenpark nur einen Ausweg zulässt, den aus dem Kino hinaus. Denn zu allem Überfluss braucht Qurbani nicht nur 2,5 Stunden und 5 Akte um das Scheitern seiner Figur an der Döblinschen Maxime »Gut« zu sein zu offenbaren, er dichtet ihm auch einen völlig unangemessenes »Happy End« an, das dem Ganzen die zynische Krone aufsetzt. Ungebändigt und aufmüpfig will der Film sein, aber es hätte ihm gut getan, sich etwas weniger zuzumuten. Hätte er sich auf die Lebensrealität der Hauptfigur konzentriert und deren Schicksal in einem heute eher abweisenden Berlin gezeigt, man hätte ihm sicher mehr geglaubt. Dass er ein Anliegen hat wird deutlich, sicher, aber wie sagte schon Goethe, man erkennt die Absicht und ist verstimmt.

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