Die wiedergefundene Magie

Wie jung seine Stimme klingt! Und gar nicht verzagt, sondern frisch und voller Enthusiasmus! Dabei werden die Tonaufnahmen, die in „Das Geheimnis Georges Méliès“ zu hören sind, entstanden sein, als der Filmpionier sein Imperium längst verloren und das Publikum ihn und die unmöglichen Reisen, auf die er es einst schickte, vergessen hatte.

Vielleicht stammen sie vom Anfang der 193er, als es erste Versuche gab, sein Erbe wieder sichtbar werden zu lassen. Damals war Méliès praktisch ein Untoter, hatte sich mehrfach ruiniert (da er in die Produktion immer sein eigenes Geld steckte), hatte eine traurige Existenz als Spielzeugverkäufer in der Gare Montparnasse bestritten und musste den Lebensabend in einem Heim für verarmte Filmkünstler zubringen. Die Rehabilitation des Kinomagiers kam nur schleppend voran, denn sein Werk galt als verschollen. Seine Träume waren weg, wie es in der Dokumentation von Eric Lange und Serge Bromberg heißt. Sie fängt dann auch gleich mit der Katastrophe an: 1923, ein Jahr, nachdem er enteignet worden war, verbrannte Méliès die Negative seiner insgesamt 520 Filme: aus Verzweiflung und als Protest. Das Geheimnis, das die Dokumentation lüften will, ist ein zweifaches. Das erste ist sein Schaffen: Wie kommt der Sohn eines reichen Schuhfabrikanten dazu, ein Zauberer zu werden, zuerst auf der Bühne, dann vor und hinter der Kamera? Die Autoren beschwören seinen Werdegang temperamentvoll. Illustre Bewunderer geben Auskunft über ihn, darunter die Regisseure Michel Gondry und Costa-Gavras, sowie Fachleute wie die Archivare Laurent Mannoni und Béatrice de Pastre.

Ein Berliner Bibliothekar, der seit Jahren an einer Méliès-Bibliographie arbeitet, hatte mir den Film empfohlen, der Samstagnacht auf arte lief. Ein Sammler aus der Schweiz wiederum, dem im Abspann gedankt wird, hätte ihm berichtet, er habe darin vieles erfahren, das er noch nicht wusste. Ein großes Versprechen also, Méliès mit neuen Augen zu sehen. Und neuen Ohren zu hören. Dass die frühen Filme auf Jahrmärkten gezeigt wurden, hatte ich beispielsweise immer als Selbstverständlichkeit genommen, mir aber nie Gedanken gemacht, gegen welchen Lärm sie sich dabei durchsetzen mussten. Laurent jedoch beschreibt diese außergewöhnliche Klangwelt der Jahrmarktschreier, Musiker und verzückten Besucher sehr eindrücklich.

Eigentlich sind die Erwartungen, mit denen ich an die Film-Dokumentationen herangehe, die bei arte rauf und runter laufen, mit der Zeit mürbe geworden. Meist habe ich den Eindruck, sie gingen von der Prämisse aus, niemand interessiere sich mehr für Filmgeschichte und man müsse sie deshalb flott aufbereiten. Unter diesem Diktat der Kurzweil bleibt die historische Genauigkeit oft auf der Strecke, en gros und en detail. Die AutorInnen schreiben die Legenden fort, nicht ohne Ironie, aber voller smarter Kurzschlüsse zwischen Leben und Werk. Man kann das feast von einem hauseigenen Stil sprechen, der geprägt ist von launigen  Gereimtheiten und angestrengter Originalität, aber wenig Bewusstsein für Chronologie und Zusammenhänge verrät. Meist sind sie französischer Provenienz, ihre Kommentare schwelgen zuweilen  in kennerischer Poesie (sie zwinkern mitunter eben auch den Eingeweihten zu), denen dann die deutsche Fassung einen prosaischen Garaus machen. Es scheint keine RedakteurInnen zu geben, die Übersetzungsfehler oder sonstige Arglosigkeiten korrigieren.

Die letzten Wochen haben mich gelegentlich eines Besseren belehrt. Etwa die Dokumentation über Sergio Leone, die schon zwei Jahre alt ist und seinerzeit flankierend zur Ausstellung der Cinémathèque francaise gesendet wurde. Ein kostbarer Ertrag war für mich beispielsweise die Verbindung, die der Filmkritiker Noel Simsolo zwischen dessen Ästhetik und seiner Begeisterung für die Fumetti (wie Comics im Italienischen heißen) herstellt: Leone war der erste, bei dem Schüsse so laut klangen wie das „Bang! Bang!“, das die Panels erschüttern ließ. Auch über sein Verhältnis zu Ennio Morricone erfuhr ich Dinge, die mir zuvor so noch nicht klar waren.

Es ist nicht unbedingt Komplexität, die man sich von solchen Dokumentationen erhofft, sondern die Schlüssigkeit grundlegender Erkenntnisse. In „Das Geheimnis Georges Mélies“ etwa ist es die Feststellung Costa-Gavras', dass es fröhliche Filme sind, die dieser gedreht hat. Ein schlichter Satz, der aber eine triftige Synthese darstellt. In der vor ein paar Wochen ausgestrahlten Sendung über Frank Capra wird man in dieser Hinsicht vielfach fündig. Capras „Ein Mann, ein Film“-Formel, seine romantische Beschwörung des Regisseurs als alleinigem Urheber, entspricht der Ideologie seiner Filme: Sie postuliert die Macht des Individuums, das über ein fehlerhaftes System triumphiert. Es geniert mich zwar, dass dies nur wenig hinterfragt wird (den Großteil der „Why we fight“- Propagandafilme hat Anatole Litvak inszeniert, nicht Capra), aber immerhin regt sich ein Hauch von Parteinahme für seinen armen, verleugneten Drehbuchautor Robert Riskin. Die Sendung bekommt die Ambivalenz der Figur Capra gut in den Griff. Den unbedingten Ehrgeiz des Emigranten, der auf Jugendfotos immer am Rande steht, nimmt sie als amerikanische Grundfeste, aber nicht unbedingt als Tugend wahr. Den Widerspruch, dass ein Roosevelt-Gegner Filme für dessen New Deal macht, löst sie nicht simpel auf. Und sein Verhalten während der McCarthy-Ära beschönigt sie nicht als Patriotismus, sondern findet dessen Wurzeln in „The Younger Generation“. einem unbekannten Frühwerk Capras. Dass es in seinen unerbittlich optimistischen Filmen so viele Selbstmordversuche gibt, war einem vielleicht schon vorher bewusst. Aber es schadet nicht, daran erinnert zu werden.

„Das Geheimnis Georges Méliès“ ist demgegenüber weniger als Biographie angelegt. Der Titelheld ist nach der Hälfte tot und seine seine Geschichte beginnt noch einmal neu. Das Thema ist eigentlich die Überlieferung. Damit tritt das zweite Geheimnis auf den Plan: Wie kommt es, dass 270 der Filme wiederentdeckt werden konnten, obwohl er die Negative den Flammen überantwortete? Das ist eine spannende Recherche, die über mehrere Banden gespielt wird - einmal landet die Billardkugel gar beim Produzenten der „Bugs Bunny“-Cartoons. Dass Co-Autor Serge Bromberg mit seiner Firma Lobster Films an der Restaurierung der Méliès-Filme beteiligt ist, diskreditiert die Dokumentation letztlich wenig. Sie ist keine heimliche Werbeveranstaltung, ihr Fokus bleibt fest auf dem Filmpionier, seinen Filmen und ihrem unglaublichen Schicksal. In der Mediathek von arte ist sie als Teil eines Méliès- Schwerpunktes abrufbar, Die restaurierten Filme laufen sogar mit einem Kommentar, der Wiederbelebung der Tradition des „Bonimenteurs“, des Märchenerzählers, der in der Frühzeit des Kinos munter zu den Bildern fabulierte.

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