Robert Pattinson: Mutationen eines Stars

Robert Pattinson in »Der Leuchtturm« (2019). © Universal Pictures

Robert Pattinson in »Der Leuchtturm« (2019). © Universal Pictures

Untote sterben doch. Robert Pattinson hat die Rolle des »Twilight«-Vampirs hinter sich gelassen. Und erobert das Independent-Kino. Ein Porträt von Alexandra Seitz

Von Ephraim Winslow aus gesehen – dem mit einem prächtigen Schnäuzer ausgestatteten Leuchtturmwärtergehilfen, der sich in Robert Eggers' »Der Leuchtturm« auf einer sturmumtosten Insel allerlei (ir)realen Anfechtungen ausgesetzt findet – ist Edward Cullen, der ätherische Vampir, dessen Haut im Tageslicht glitzert wie Biskuitporzellan, ziemlich weit weg. Um nicht zu sagen: Welten liegen zwischen dem heute 33-jährigen Robert Pattinson und dem aus der »Twilight«-Saga geborenen Teenagerschwarm, dessentwegen die Fan-Mädchen zu Hunderten hysterische Anfälle erlitten.

In den Jahren 2008 bis 2012 war das, in denen Pattinson in den fünf Filmadaptionen der vier Jugendbuch-Bestseller von Stephenie Meyer die zentrale Rolle eines zartbesaiteten Blutsaugers übernahm, der sich in eine junge, von Kristen Stewart dargestellte Menschenfrau verliebt; dass die beiden dann auch jenseits der Leinwand zeitweilig ein Paar waren, beflügelte die PR-Maschinerie und ließ die Regenbogenpresse jubeln. Doch Stewart wie Pattinson gelang es, sich aus dem Würgegriff des Celebrity-Kults zu befreien und beeindruckende Schauspielkarrieren zu starten.

»Twilight – Biss zum Morgengrauen« (2008). © Concorde Filmverleih

Dabei hatte der am 13. Mai 1986 in London geborene Robert Douglas Thomas Pattinson ursprünglich eine Laufbahn als Musiker angestrebt. Pattinson singt und komponiert, er spielt Gitarre und Klavier – Zeugnisse seines musikalischen Talents lassen sich in der etwas entgleisten Coming-of-Age-Dramödie »How to Be« (Oliver Irving, 2008) hören oder in Claire Denis' philosophischer Dystopie »High Life« (2018), zu der er den Abspannsong beisteuerte und mit Stuart A. Staples von den Tindersticks einspielte. Erste Erfahrungen mit der Schauspielerei machte der Teenager Pattinson, als er im Amateur-Theaterclub seiner Londoner Nachbarschaft zu arbeiten begann, zunächst hinter den Kulissen, schließlich aber dann doch auf den sprichwörtlichen Brettern.

Wie Leonardo DiCaprio, den die Titanic beinahe mit in die Tiefe gerissen hätte, geriet auch Robert Pattinson recht früh in die Heartthrob-Falle. Ja, er sprang regelrecht hinein, als er sich, 18-jährig, in seiner ersten Szene als Cedric Diggory in »Harry Potter und der Feuerkelch« (Mike Newell, 2005) vom Ast eines Baumes herabschwang, Hermione und Ginny Weasley vielsagende Blicke wechselten und jenes Kichern und Tuscheln begann, das sich alsbald im überwiegend jugendlichen weiblichen Publikum fortsetzen sollte. Diggory aber, diese Verkörperung britischen Fairplays, war keine Figur, der das zu Kopf stieg, und Pattinson war geerdet genug, denselben selbst dann nicht zu verlieren, als der Hype um seine Person mit dem »Twilight«-Franchise allmählich doch etwas mühsam wurde.

Wie DiCaprio hat Pattinson sich befreit, indem er in der Folge Rollen annahm, die den Erwartungen an einen Posterboy widersprachen. Statt Kapital zu schlagen aus der Projektionsfläche, die er bot, und in Mainstream-Produktionen den romantic interest zu geben, wandte Pattinson sich dem Independent-Kino zu. Der aalglatte Multimilliardär Eric Packer in David Cronenbergs »Cosmopolis« (2012) – der in Pattinsons Filmografie zwischen dem ersten und zweiten Kapitel des »Twilight«-Finales steht – lässt sich nicht zum Märchenprinzen umfantasieren. Ebenso wenig der unterbelichtete Kriminelle Rey in der Genreperle »The Rover« (David Michôd, 2014), mit dem Pattinson nach einjähriger Pause die schauspielerische Arbeit post-vampirisch wieder aufnahm, und wo er an der Seite von Guy Pearce im australischen Outback Furcht und Schrecken verbreitete. Und auch sein Porträt von Dennis Stock in Anton Corbijns »Life« (2015) liegt quer zu allen Idealen. Vielmehr zeichnet Pattinson den Fotografen, der das ikonische Bild von James Dean am Times Square schoss, als einen ehrgeizigen Verlorenen, dem die Begegnung mit dem (von Dane DeHaan hervorragend verkörperten) Jungstar die eigene Einsamkeit schmerzhaft vor Augen führt. Ein Aussenstehender, der einen Aussenseiter beobachtet, doppelt ausgeschlossen.

Rückblickend könnte man sich fragen, was ein Schauspieler seines Kalibers überhaupt in »Twilight«, dieser brunzbiederen Fantasy-Homestory-Saga, zu suchen hatte. Als Edward hatte Pattinson schließlich kaum mehr zu tun, als sensibel zu schmachten und empfindsam zu brüten. Doch zum einen sind die Wege zum Ruhm mitunter unergründlich, und zum anderen führt keiner so gradlinig zum Erfolg wie der über die Mädchenherzen. Und immerhin schafft Pattinson, wiewohl deutlich unterfordert, inmitten des ganzen CGI-Wahnsinns das glaubwürdige Miniporträt eines um die Seinen besorgten Jungmannes. Auch entbehrt es nicht einer gewissen Komik, sich die Reaktion der Fans des keuschen Vampirs auf jene Szene in »Cosmopolis« vorzustellen, in der Eric Packer, während er mit einer Mitarbeiterin spricht, seine tägliche Prostata-Untersuchung erduldet – was von Pattinson und Emily Hampshire in heißkalt impliziten Augensex umfunktioniert wird.

»Cosmopolis« (2012). © Falcom/24 Bilder

Mit steinerner Miene und eisiger Ausstrahlung spielt Pattinson dieses Finanzgenie am Rande des Bankrotts, das sich in der Stretchlimousine quer durch New York schippern lässt, Geschäfte erledigt und über den entfesselten Kapitalismus räsonniert, während draußen der Aufruhr tobt. Mit Packer erteilt Pattinson eine Lektion in schauspielerischer Verdichtung vermittels der Reduktion der Mittel aufs Wesentliche; zugleich wird in der Kontrolle des Schauspielers über seinen Körper, in der Art, wie Pattinson sich an die Kandare nimmt und nicht das geringste unkontrollierte Zucken zugesteht, sichtbar, welches Ausdruckspotenzial in ihm steckt.

Dabei entspricht Robert Pattinson eher nicht einem klassischen Schönheitsideal: der Kiefer eines Nussknackers, das kantige Kinn, die lange, ein wenig eingedrückt wirkende Nase, die in einer kurzen Schanze ausläuft, der breite, gerade Mund, die fast schon buschigen Brauen über tief liegenden Augen – die Züge sind eher grob geschnitzt, die Mimik aber ist von faszinierend feinmotorisch abgestimmter Ausdruckskraft. Zudem ist Pattinson ein physischer Schauspieler. Einer, der, wenn es gefragt ist, mit vollem Körpereinsatz spielt. Einer, der ohne zu zögern jede Hemmung fahren lässt. Einer, den weder die Grenze zum Camp noch die zur Charge auch nur im geringsten schreckt. Beispielhaft sei da verwiesen auf seinen Salvador Dalí in »Little Ashes« (Paul Morrison, 2008), einer hochspekulativen Fantasterei über die Beziehungen zwischen Luis Buñuel, Federico García Lorca und eben Dalí zu deren gemeinsamen Studienzeiten. Pattinson gibt Dalí als flamboyante Figur, als egomanischen Gecken und rücksichtslosen Exzentriker und versteht es dabei doch, ihm einen Kern tiefer Empfindsamkeit einzupflanzen: die Beunruhigung über die Gefühle, die er García Lorca entgegenbringt; eine nicht nur verdrängte, sondern gar nicht erst bewusst gemachte Homosexualität, die als permanente Verunsicherung den Maler zeitlebens zur theatralen Selbst-Darstellung verurteilt.

Es ist dies ein Motiv der Verstellung und Uneigentlichkeit, das sich auch in der Figur des Georges Duroy findet, jenes Emporkömmlings und manipulativen Gigolos, den Pattinson 2012 in »Bel Ami« spielt, Declan Donnellans und Nick Ormerods Adaption von Guy de Maupassants berühmtem Roman. Bel Ami landete, neben »Cosmopolis«, wie eine Bombe im »Twilight«-Finale und fungiert einerseits als Kristallisationsknödel für die kritische Betrachtung (nicht nur) historischer Vorstellungen von Männlichkeit und andererseits als sarkastischer Kommentar zum Geschlechterklischees bedienenden Verwertungszusammenhang, in dem der Schauspieler Robert Pattinson sich zu jener Zeit gefangen fand.

Insgesamt ist es mit der Romantik in Pattinsons Œuvre ohnehin nicht weit her. Vielmehr ereilt Samuel Alabaster, einen veritablen Minnesänger und tumben Toren, der in »Damsel« (Smoking Gun, 2018) seiner Traumfrau hinterherzuckelt, der frühe Tod, weil er es verabsäumt hat, den Wunsch mit der Wirklichkeit zu hinterfragen. Es ist diese Western-Tragigroteske der Zellner Bros. ein mindestens so riskanter Genre-Rip-off wie der 2017 vorangegangene »Good Time«, in dem den Gebrüdern Safdie ein spektakulär schief gehender Banküberfall lediglich als Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von Debakeln und Desastern dient. Die werden mit Verve befeuert von dem als Katalysator wirkenden Protagonisten Connie Nikas, den Pattinson mit blondierten Haaren, falschen Brilli-Ohrsteckern und irrem Blick zur Perfektion treibt. Alabaster und Nikas sind Figuren, die wie verbohrt in einer eigenen Privat-Realität leben, die mit dem, was tatsächlich draußen, außerhalb ihres Schädels vor sich geht, nur rudimentär zu tun zu haben scheint.

»Good Time« (2017). © temperclayfilms

Und schon kommt einem Ephraim Winslow wieder in den Sinn, den Eggers in einem fast quadratischen Kader allmählich dem Wahnsinn anheimfallen lässt – Pattinson läuft hier an der Seite von Willem Dafoe zu ganz großer Form auf. Währenddessen breitet am Horizont die Nemesis des Jokers ihre Schwingen aus; Pattinson als »Batman«, unter der Regie von Matt Reeves avisiert für 2021, kann kommen. Kann es Zufall sein, dass die Fledermaus eine der Inkarnationen des Vampirs ist?

Meinung zum Thema

Kommentare

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Na, mit dem All-Schocker mit Kollege Gyllenhaal hat Pattinsons "Life" aber nix zu tun. ;)

Ansonsten ein sehr prägnant und kurzweilig verfasstes Porträt. Mich fasziniert Pattinsons Karriere auch seit Jahren. Danke für die Auffrischung, welche spannenden Werke da bisher an mir vorbei gegangen sind.

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