Disney-Prinzessinnen: Ess-Störungen und Daddy-Komplex

»Schneewittchen und die sieben Zwerge« (1937) © Walt Disney

»Schneewittchen und die sieben Zwerge« (1937) © Walt Disney

Die Prinzessinnen in den Märchen von Disney haben Generationen von Mädchen geprägt. Erst seit »Mulan«, die es nun in einer Realfilmversion geben sollte [Starttermin verschoben], dürfen diese Heldinnen sich auch mal prügeln. Birgit Roschy über eine schwere Emanzi­pationsgeschichte

Als Schneewittchen mit braver Schleife im ebenholzfarbenen Haar zur Faschingsparty gehen oder lieber als Meerjungfrau Arielle mit roter Perückenmähne? Als Schneekönigin Elsa in eisblauer Robe mit pelzbesetztem Cape, als Belle im butterblumenfarbenen Rokokotraum aus Polyester? Das Angebot an Disneyprinzessinnen-Kostümen ist riesig. Die Zielgruppe reicht von kleinen Mädchen, die gerade dazu fähig sind, in wallenden Röcken stolperfrei zu laufen, bis hin zu erwachsenen Frauen. Selbstverständlich könnten sich auch Männer als Disneyprinzessinnen verkleiden, und sogar für Hunde gäbe es das Passende, heißt es beflissen im Werbetext eines Kostümversands. Gleich zu Beginn wird darin aber vollkommen unironisch ein Klischee ausformuliert, das so passé zu sein schien wie ein Korsett: »Möchtest du für ein paar Stunden im Mittelpunkt stehen? Träumst du davon, dass ein tapferer Ritter auf seinem weißen Pferd daherkommt, dich aus deiner Armut rettet und dir ein Märchenleben verspricht?« Bei dieser Ansage kann man schon mal ins Grübeln kommen wie jene Journalistin, die sich in einem langen Artikel in der »New York Times« fragte, wieso emanzipierte Mütter es lächelnd hinnehmen, dass ihre kleinen Töchter sich unbedingt als Prinzessinnen ausstaffieren und mit Schneewittchen anreden lassen wollen. Ihren Söhnen würden diese Mütter kaum so locker ein AK-47-Spielzeuggewehr bezahlen. 

Disneyprinzessinnen verkörpern in dieser Lesart ein heutzutage inakzeptables, weil rückwärtsgewandtes Rollenmodell, sind verführerisch-reaktionärer Agitprop für ein einzig auf Aussehen, Kleider, Juwelen und den Fang eines solventen Märchenprinzen zur Finanzierung des ganzen Zaubers ausgerichteten Frauenlebens. Die unschuldigen Mädchenseelen würden, so die Befürchtung, durch die virtuellen Vorbilder zu einem Leben narzisstischer Selbstbespiegelung, permanenter Diäten und zerstörerischen Selbstzweifels angeleitet, statt sich etwa mit einer Karriere als US-Präsidentin zu beschäftigen. Kurz: zu einer Existenz, die zum Bein- und Achselhaare-Ausreißen ist. Der »New York Times«-Artikel von 2006 ist heute aktueller denn je, denn das Disneyprinzessinnen-­Merchandising boomt. Seit 2000 existiert mit der »Princess-Line« ein offizielles Franchise, zu dem aufgrund eines byzantinisch anmutenden Regelwerks zwar nicht die »Eiskönigin« gehört, dafür aber Tiana aus »Küss den Frosch«, obwohl diese Heldin nicht royalen Geblüts ist. Als Faustregel für den Hausgebrauch gilt im Folgenden deshalb, dass als Prinzessinnen im Disney-Universum all jene Schönen bezeichnet werden, die mit Tieren respektive Biestern kommunizieren können. 

Wahr ist aber auch, dass, parallel zur ständigen Erweiterung der Disney-Produktlinien – dazu gehören ferner die erfolgreichen Marvelverfilmungen –, die Company kontinuierlich versucht, auch die Märchenfiguren dem sich wandelnden Zeitgeist anzupassen. Optisch drückt sich diese Veränderung, Hand in Hand mit der globalen Vermarktung, durch die Einverleibung außereuropäischer Märchen, mehr diversity und ganz konkret anderer Hautfarben als der gewohnten weißen aus. Die wichtigste Zäsur stellt in dieser Hinsicht das Animationsabenteuer »Mulan« von 1998 dar, das demnächst als Realfilm ins Kino kommt. »Mulan« basiert nicht nur auf einer chinesischen Legende, sondern kommt ganz ohne weiße Gesichter aus. Die erste nicht-kaukasische Titelheldin war die Indianerin »Pocahontas« (1995). In diesem Animationsfilm wurden, inspiriert von einer authentischen Figur in einer Fußnote zur Geschichte der weißen Besiedlung Nordamerikas, erstmals die »First Nations« zum Thema gemacht. In »Vaiana« (2016) geht es mit den Abenteuern einer indigenen Häuptlingstochter um polynesische Mythologie. »Küss den Frosch« (2009) wiederum stellt als erster Disney-Trickfilm eine afroamerikanische Heldin ins Zentrum und ist zudem eine parodistische Version des Froschkönig-Märchens. Apropos: Inhaltlich werden schon seit langem die eigenen Bestandsklassiker – am deutlichsten in der Fantasykomödie »Verwünscht« (2007), in der, im Spagat zwischen Trick- und Realfilm, Märchenprinzessin Giselle (Amy Adams) im heutigen New York strandet – selbstironisch veräppelt. Oder konsequent gegen den Strich gebürstet wie im Realfilm »Maleficent«, in dem die aus »Dornröschen« (1959) bekannte böse Fee Malefiz rehabilitiert wird. Doch waren weibliche Disney­figuren früher tatsächlich dämlicher, und sind sie heute menschlicher, also weniger stereotyp? 

Die Urmutter des Disneyprinzessinnen-­­Klischees ist das Schneewittchen, beziehungsweise die bewusstlose Kindfrau, die der geniale Walt Disney in einem produktionstechnischen Kraftakt aus der Grimm'schen Märchenfigur gemacht hat. In »Schneewittchen und die sieben Zwerge« (1937) besteht die entscheidende Umdichtung aber in der Betonung der Rolle des Prinzen. Bei den Grimms gar nicht so wichtig, lässt er im Film durch seinen Kuss Schneewittchen auferstehen. Bei den Grimms war noch ein stolpernder Sargträger dafür verantwortlich, dass sich das vergiftete Apfelstück aus Schneewittchens Hals löste. Auch ist im Film die böse Stiefmutter nicht nur neidisch auf Schneewittchens Schönheit, sondern auf deren schmucken Verehrer. Schließlich trifft das Ur-Schneewittchen mit den Zwergen eine ökonomische Vereinbarung: gegen Kost, Logis und Schutz arbeitet sie als Haushälterin (obwohl die Grimm'schen Zwerge selbst ordentlich sind). Bei Disney räumt sie den betont schlampigen Gesellen unaufgefordert hinterher, ­denn als anständiges Mädchen kann sie nicht ­anders. 

Damsels in distress retten die Disney-Company

»Schneewittchen und die sieben Zwerge« war der erste abendfüllende Trickfilm und begründete den Aufstieg des kleinen Cartoonstudios zum Mediengiganten. Walt Disney wählte nicht nur ein Abbild von Neuschwanstein, ein im späten 19. Jahrhundert auf den Ruinen einer mittelalterlichen Ritterburg im idealisierten Stil der Romantik errichtetes Märchenschloss, als Firmenlogo aus. Neben den Grimm'schen kaperte er weitere europäische Märchen und disneyfizierte mit »Cinderella« (1950) und »Dornröschen« (1959) zwei Geschichten von Charles Per­rault. Jedes Mal tritt ein Prinz als Bräutigam/Erlöser eines schönen adligen Fräuleins auf, das von einer missgünstigen älteren Frau getriezt wird und bis zur Hochzeit klaglos eine Durststrecke mit niederen Hausarbeiten überstehen muss. Jedes Mal haben dem zwischendurch strauchelnden Studio diese damsels in distress selbst aus der Not geholfen. Auch 1989 bescherte »Arielle, die Meerjungfrau« im bewussten Rückgriff auf die Märchenfilmmusicals der angestaubten Company ein rauschendes Comeback. Zwischen »Dornröschen« und »Arielle« liegen indes 30 Jahre prinzessinnenfreier Produktion. Lag die Vernachlässigung des größten Geldbringers an der aufkommenden Frauenbewegung, die das spießig-antiquierte Geschlechterverhältnis ablehnte, die Wiederentdeckung hingegen am konservativen Backlash der Reagan-Ära?

Nun arbeitet sich zwar auch »Arielle« an einer bösen Alten ab, hat aber vor allem Zoff mit Vater Neptun und ist weit rebellischer als die nervig demütigen Vorgängerinnen. Das Konzept des rettenden Märchenprinzen indes erwies sich bis zum Animationshit »Eiskönigin« (2013), in dem der Prinz sich als verlogenes Ekel entpuppt, als unverzichtbares Handlungselement. So wird in »Arielle« die Tragik von Hans Christian Andersens Märchen, in dem die kleine Meerjungfrau sich für ihren Märchenprinzen verstümmelt und, als dieser sie verschmäht, quasi Selbstmord begeht, dreist ignoriert. Zur Einfädelung des Happy Ends mit rettendem Prinzen wurden hier erstmals jene Drehbuchverrenkungen sichtbar, die in den folgenden vordergründig emanzipierteren Disneymärchen für wachsendes Befremden sorgten. 

Tod dem Märchenprinzen

So toll die Amazone Mulan, die als Mann verkleidet gegen die mongolische Invasion kämpft, auch agiert – dass ihr für die Landesrettung vom Kaiser von China eine Medaille überreicht wird, als Hauptpreis aber der Antrag eines jungen Generals gilt, wirft die emanzipatorische Botschaft gleich wieder über den Haufen. Zumal es sich um jenen Typen handelt, der Mulan nach der Entdeckung, dass sie ein Mädchen ist, aus der Armee ausstieß und im eisigen Gebirge zurückließ. Und was soll man sagen über die selbstbestimmte Pocahontas, in deren disneyfiziertem Schicksal nicht nur die Gräuel der Siedlerzeit verharmlost werden, sondern die sich als 14-Jährige in einen 29-jährigen englischen Abenteurer und Invasoren verlieben muss? Ziemlich verdreht ist die Märchenprinz-Nummer auch in »Küss den Frosch«. Tiana, die einzige afroamerikanische Disneyprinzessin, ist im Übrigen die einzige, die einen ökonomischen Plan jenseits einer guten Partie oder einer Erbfolgeregelung hat; als zupackendes Mädchen aus der Unterschicht arbeitet sie auf ihre Restauranteröffnung hin. Selbst bei flüchtigem Hinsehen bleibt von einer tragfähigen feministischen Botschaft in Bezug auf die Erlangung weiblicher Unabhängigkeit wenig übrig. 

Noch schlechter sieht es in puncto Körpernormierung aus. Die Heldinnen von »Schneewittchen« bis »Arielle« sind Abbilder echter Frauen; gerade in bewegte Sequenzen griff Disney immer wieder auf die Rotoskopie-Technik, bei der mit Schauspielern gearbeitet wird, zurück. Die viel kritisierten Wespentaillen, Wallehaare und regelmäßig geformten Gesichter dieser klassischen Trickfilmgrazien sind das Ergebnis von Überarbeitungen. Sie sind aber immer noch rundlich-realitätsnäher als die Optik der als Rollenvorbild gerühmten »Eiskönigin«-Heldinnen, deren S-Kleidergröße sich jahrelangen Pilates-Exerzitien zu verdanken scheint und deren dicke Köpfe mit den Manga-Augen und Stupsnasen eine groteske Parodie des Kindchenschemas darstellen.

Als größter Stein des Anstoßes gelten dennoch die klassischen Disneyprinzessinnen. So sagte etwa die Schauspielerin Keira Knightley 2018 in einem Interview, dass sie ihrer kleinen Tochter verbietet, »Cinderella« und »Arielle« zu schauen, weil diese die Botschaft vermittelten, dass Mädchen schön sein müssten und nach einem reichen Retter Ausschau halten sollten. Die Vorstellung, dass Disneyfilme wie Werbung funktionieren und direkt zu Essstörungen und Sugardaddy-Komplex führen, scheint aber arg eindimensional. Auch die Anthropologin Sarah M. Coyne, durch ihre Studie über den Einfluss von Disneyfilmen auf Vorschülerinnen als »Prinzessin-Hasserin« bekannt geworden, konzediert, dass Prinzessinnen-Rollenspiele und das So-tun-als-ob für kleine Mädchen normal und wichtig für die Entwicklung emotionaler Intelligenz und eines gesunden Selbstwertgefühls seien. Was stimmt denn nun? 

Tatsächlich hat die Vorstellung, dass Mädchen per se nicht in der Lage wären, die süßlichen Disneygeschichten zu durchschauen, etwas Beleidigendes. Der Prinzessinnenboom hat, siehe Coyne, nicht nur eine kleine cottage industry in den Sozialwissenschaften gezeitigt, wo Forscherinnen mit Diplomarbeiten über die Verwerflichkeit der Disney-Frauenbilder offene Türen einrennen. Enorm beliebt sind Disneys Frauencharaktere dagegen im Cosplay, wo Frauen (und Männer) in spielerischer Aneignung der Kunstfiguren sich mal als Schneewittchen und mal als böse Königin verkleiden. 

Wichtig ist, dass sie sich den Raum erobern

Eine persönliche Blitzumfrage hatte zum Ergebnis, dass junge Zuschauerinnen in neueren Disneymärchen vor allem das ganz buchstäbliche sich Freistrampeln von Einschränkungen und Konventionen, also den körperlichen Kampf für fundamentale weibliche Bewegungsfreiheit, wie er etwa von den draufgängerischen Heldinnen Mulan und Merida im gleichnamigen Film demons­­triert wird, begrüßen. Nicht umsonst haben Disney-Trickfilmer schon früher so viel Wert auf die Gestaltung der berühmten Tanz­szenen etwa in »Cinderella« und »Die Schöne und das Biest« gelegt: eine Veranschaulichung der Metapher von den Verhältnissen, die zum Tanzen gebracht werden. 

Die nicht nur von Feministinnen gewünschten »starken Frauen« im Disneymärchen-Universum gibt es längst. Betrachten wir doch nur einmal die Feen, die für ein herkömmliches Märchen fast so unverzichtbar sind wie der Märchenprinz. Im Realfilm verkörperte »Mary Poppins« schon 1964 eine von jeglichem patriarchalischen Gesetz abgekoppelte, »herrisch« und souverän auftretende Magierin, die sofort klarstellt, unter welchen Bedingungen sie für die Familie Banks tätig werden wird und die im Unterschied zur Buchvorlage offenbar eine Beziehung hat. Aber auch klassische Märchenfilme präsentieren eine große Bandbreite unabhängiger Frauen. Das Identifikationsangebot reicht von leicht verpeilten guten Feen bis hin zu Malefiz. 

Das Problem modern sein wollender Disneymärchen besteht nun darin, dass, nimmt man den archetypischen Prinz weg, auch der neidischen Widersacherin, die den Aufstieg der Prinzessin verhindern will, die archetypische Wahrheit fehlt. So hat das längliche Herumeiern in »Maleficent«, wo die rächende Fee mittels Rückblenden-Traumata im Sinne von »die Männergesellschaft ist schuld« zur guten Fee umgedeutet wird, als aufklärerisches modernes »Narrativ« sicher seine Berechtigung. Doch mit Märchen haben diese Fantasyfilme und ihre übersichtlichen Botschaften nur am Rande zu tun. Auch bei der »Eiskönigin«, wo zum allerersten Mal weibliche Solidarität gefeiert wird, handelt es sich eher um Fanfiction, um X-Women in mittelalterlichen Kostümen. Verloren ging bei diesen Volten die tiefenpsychologische Komponente, die sich im spiegelbildlichen Gegensatz zwischen schöner junger Prinzessin und zynisch-abgeklärter und entspannter älterer Frau ausdrückt. Verloren gingen Kultfiguren wie die durchgeknallte Madame Mim aus dem Artusmärchen »Die Hexe und der Zauberer« (1963), die sich nach Belieben in einen Drachen und in ihr verführerisches junges Alter Ego verwandeln kann und die null Probleme damit hat, »dick und hässlich« zu sein. 

Die beste böse Frau im klassischen Disneymärchen ist die nach dem Vorbild von Drag Queen Divine geformte Seehexe Ursula in »Arielle und die Meerjungfrau«. Sie überredet Arielle, ihr als Bezahlung für Zauberdienste ihre Stimme zu geben und unterweist sie im Song »Poor unfortunate Souls«, wie sie sich in der Menschenwelt zu verhalten habe. Es reiche, dass Arielle ein hübsches Gesicht habe, »die Menschenmänner lieben kein Geplapper. Auf dem Land hält man den Mund – nur die, die schweigen, kriegen einen Mann«. »Es ist schon witzig, dass man als Kind wie Arielle sein wollte und zehn Jahre später merkt, dass man im Grunde Ursula ist«, schrieb eine Zuschauerin: als Rollenmodell ist die lustig wabbelnde Ursula sicherlich befreiender als die verbissene Maleficent.

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