Claire Foy – Ein Porträt

Typ englische  Rose, mit Dornen
Claire Foy in »Verschwörung« (2018). © Sony Pictures

Claire Foy in »Verschwörung« (2018). © Sony Pictures

Mit Kostümparts in Fernsehserien wie »Little Dorrit« und dem Netflix-Hit »The Crown« ist sie bekannt geworden. Jetzt startet Claire Foy im Kino durch. Im November ist die fragile Schönheit in »Aufbruch zum Mond« und als ­kantige Lisbeth Salander in dem Millennium-Thriller »Verschwörung«­ zu sehen

Aufrechte Haltung, klassisch elegante Kostüme, maskenhaftes Make-up, perfekt modulierte Frisuren, akkurate Diademe und Krönchen: So wurde Claire Foy berühmt, als junge Queen Elizabeth in der Netflix-Erfolgsserie »The Crown«. Eine ikonische Rolle, die leicht an einer Schauspielerin kleben könnte, würde sie nicht klug gegensteuern. Zum Beispiel als kämpferisch raue Hackerin Lisbeth ­Salander, als würdige Erbin von Noomi Rapace und Rooney Mara in »­Verschwörung«, einer Fortsetzung der Millennium-Serie nach Stieg Larsson. Mit kurzem schwarzem Schopf, Nasenpiercing und Drachen-Tattoo, in schwarzer Lederkluft, angetrieben von innerer Wut, drahtig auf dem Motorrad, energisch vor dem Computer, immer wieder aber auch durchlässig, verletzlich, mit verhangenem Blick aus wasserblauen Augen: Der Kontrast könnte kaum größer sein.

»The Crown« - Staffel 1 (2016). © Netflix

Geboren wurde Claire Foy 1984 in der britischen Kleinstadt Stockport, bald darauf zog die Familie ins nahe gelegene Manchester. Ihre Liebe und Berufung zum Schauspiel entdeckte sie schon als kleines Mädchen bei Schultheateraufführungen. Auf der Liverpooler John Moores University studierte sie Schauspiel und Film, besuchte danach ein Jahr lang die Oxford School of Drama. Es folgten erste Engagements beim Theater und kleinere Rollen im Fernsehen; 2008 kamen der Durchbruch mit der Charles-­Dickens-Verfilmung »Little Dorrit«, der ersten von vielen Serien-Kostümrollen, und die ersten Nominierungen für Schauspielpreise. Nach diesen großen Fernseherfolgen erobert sie nun auch die Kinoleinwand. Aus kleineren Rollen neben Nicolas Cage in »Der letzte Tempelritter« oder als Sozialarbeiterin für Maggie Smith in »The Lady in the Van« wurden größere: in »Wreckers«, wo sie mit ­Benedict Cumberbatch zwischen die Fronten zweier zerstrittener Brüder gerät, oder »The Night Watch«, wo sie im Nachkriegs-London mit einer Freundin eine Heiratsvermittlungsagentur führt. In der Miniserie »Crossbones« flieht sie aus einer beengenden Ehe in London ins abenteuerliche Piraten­leben neben John Malkovich. Und in der ­Miniserie »The Promise« (Gelobtes Land) begibt sie sich auf die Spuren ihres Großvaters, der in den vierziger Jahren als Soldat in Israel stationiert war.

Die ebenmäßigen Züge, das schmale ­Gesicht, die blauen Augen, die zierliche Gestalt prädestinieren sie für klassische Geschichten aus dem viktorianischen und elisabethanischen Zeitalter, als Little Dorrit eben, die den harten Zeiten in der gleichnamigen BBC-Serie auf berückend charmante Weise ihr kleines Glück abringt, als nationalsozialistisch infizierte Lady Persephone Towyn in »Die Rückkehr ins Haus am Eaton Place«, als Anne Boleyn, zweite Frau von Henry VIII., in der Miniserie »Wölfe« und vor allem als Queen Elizabeth in »The Crown«. Aber sie kann auch ganz anders, gegenwärtig und modern. Kantig und ruppig als »Girl in the Spider's Web« (so der Originaltitel von »­Verschwörung«): Auf manchen Fotos ist sie mit kreideweißer Kriegsbemalung zu sehen, mit stachliger Mohawk-Frisur und feurigem Blick. »Sie war immer ein Underdog«, beschreibt Clarie Foy die Rolle im Interview mit »Collider«: »Ihre einzige Stärke ist, dass sie niemals aufgibt, dass sie bis zum bitteren Ende kämpft.« Die Aussage trifft auf viele Frauen zu, die sie spielt. Wenn Foy über Salander spricht, kann man viel erfahren über die Art, wie sie überhaupt an ihre Arbeit herangeht: »Bei jeder Figur fange ich am Anfang bei Null an, mit den Grundlagen. Weniger ist mehr. An Lisbeth liebe ich, dass sie sich in vieler Hinsicht komplett unter Kontrolle hat, dann aber auch wieder wie ein zwölfjähriges Mädchen ist, das sein ganzes Leben lang wie ein Opfer behandelt wurde, sich aber sagt: Ich bin kein Opfer! Das ist es nicht, was ich bin! Sie ist voller Widersprüche, unfassbar stark und intelligent und zugleich unfassbar verletzlich, durch das, was sie erlebt hat.«

Claire Foy am Set von »The Crown« - Staffel 1 (2016). © Netflix

Genau diese Widersprüche spürt Claire Foy in all ihren Rollen auf, genau das macht auch ihre Queen so interessant, mit der sie im Grunde konsequent gegen die Zwangsjacke des königlichen Protokolls anspielt. Mit winzigen Brechungen unterwandert sie die Etikette am britischen Hof: hier ein entschlossener Blick aus den großen blauen Augen, dort ein kritisches Stirnrunzeln, eine gelockerte Haarsträhne, ein verärgertes Nesteln an den Handschuhen oder eine wegwerfende Geste – lauter kleine Übersprungshandlungen. Obwohl Claire Foy nahezu keinerlei äußere Ähnlichkeit mit der Queen hat, hält man sie nach ein paar Folgen von »The Crown« für die einzig wahre, echte. Das hat ihr jede Menge Nominierungen und Preise eingebracht, ­unter anderem bei den Golden Globes, den Emmys und den BAFTAs. Während sie ­äußerlich konform agiert, zeichnen sich in ihrem Gesicht subtile Spuren von Aufmüpfigkeit, Widerstand und Kritik ab. Es ist, als würde man zum ersten Mal hinter der ­öffentlichen Maske der Queen den gut verborgenen Menschen entdecken, noch klarer als bei Helen Mirren, die in Stephen Frears' »The Queen« eine im Alter viel stärker gepanzerte Version der Monarchin spielte. Bei Foy kommen die seismografisch feinen Ausschläge der Jugend hinzu, die leisen Vibrationen jugendlichen Aufruhrs.

Genau das war es auch, womit sie dem Regisseur Fede Alvarez aufgefallen war, als der Part der Lisbeth Salander zu besetzen war. In der Hochzeitsszene in »The Crown« entdeckte er eine Großaufnahme ihrer Augen, während sie Prinz Philip anschaut. »Man sieht, wie nervös, aufgeregt und verängstigt sie ist – es könnte der Moment sein, in dem sie alles bereut, aber sie lächelt trotzdem weiter. Wir wissen so viel über ihre Gefühle, wenn sie versucht, sie vor uns zu verbergen«, erklärte er im »Hollywood Reporter«. Zu Foys Appeal tragen ihre eigenen Unsicherheiten und Zweifel, ihre Scheu in der Öffentlichkeit und vor der Kamera bei. Während sie in der Öffentlichkeit kaum auffällt, erblüht sie in ihren Rollen und auf dem roten Teppich. So wurde sie zum Ausdruck der Generation nach Sienna Miller und Keira Knightley.

»Unsane – Ausgeliefert« (2018). © 20th Century Fox

Wiederum einen Gegenentwurf zur unnahbaren Queen liefert Foy in Steven Soderberghs »Unsane«. Als beruflich erfolgreiche Bank-­Analystin und seelisch angeschlagene junge Frau gerät sie auf der Flucht vor einem psychopathischen Stalker in die Mühlen der Psychiatrie. Mit seinen fahrig nervösen iPhone-Bildern schürt der kleine Film eine Atmosphäre der Klaustrophobie und Paranoia, in der mit der Heldin auch der Zuschauer nie ganz sicher sein kann, was Realität und was Wahn ist. Die Auflösung der Oberflächen in den diffusen Handybildern korres­pondiert mit der Zersetzung aller ­Sicherheiten, mit der Transparenz des Spiels von Claire Foy. Dennoch setzt sie dem Terror der Situation immer wieder eine zähe Widerstandskraft entgegen. »Unsane« zu drehen, war das Beste, was ich zu dem Zeitpunkt tun konnte, weil es völlig anders war, so frei und so schnell, in nur zehn Tagen gedreht«, erzählte sie dem »Guardian«, »und ich konnte alles, was ich hatte, gegen die Wand werfen, ein bisschen schreien und toben, ohne mich um die Konsequenzen zu kümmern. So dreht Steven, so geht er ans Filmen heran – man muss einfach mutig sein und reinspringen. Das war richtig kathartisch!«

»Solange ich atme« (2017). © Square One Entertainment

Im Grunde agiert sie immer mehrgleisig und vieldeutig und ringt auf diese Weise auch den klassischen Ehefrauen, die sie in Filmen wie »Rosewater«, »Solange ich atme« und jetzt in »Aufbruch zum Mond« spielt, allemal mehr ab, als ihnen die Gesellschaft zugestehen will. Sie ist nicht einfach nur eine Frau, die sich für einen Mann aufopfert, sondern sie tut es aus wahrer Liebe und innerer Überzeugung, durchaus auch gegen den Willen der Männer – wie in »Solange ich atme« von Andy Serkis. Als Andrew Garfields Robin Cavendish kurz nach dem Beginn der großen Liebe zu Foys Diana an Polio erkrankt und bewegungslos an Rollstuhl und Beatmungsgerät gefesselt ist, bleibt sie an seiner Seite und befreit ihn im Kampf gegen ein rückständiges Gesundheitssystem aus seinem Krankenhausgefängnis. Wie eine Löwin kämpft diese zierliche Frau unerschrocken und entschlossen für ihre Männer, bietet ihnen, wenn nötig, aber auch ebenso entschieden Paroli. Als Astronauten-Ehefrau Jane Armstrong in Damien Chazelles »Aufbruch zum Mond« muss sie sich zwar weitgehend den hochfliegenden Träumen des »First Man« Neil Armstrong unterordnen, bietet dem egomanischen Weltraumpionier aber auch immer wieder die Stirn, wenn es darum geht, sich anständig von seinen Söhnen zu verabschieden, oder selbst in ihren Bedürfnissen wahrgenommen zu werden. Auch von der NASA fordert sie resolut Rechenschaft, wenn sie dort denken, sie könnten sie in riskanter Lage einfach vom Informationsfluss abschneiden. Innerlich bebend steht sie da allein in den weiten, langen Fluren der NASA-Männerwelt, wild entschlossen, sich das nicht bieten zu lassen, aber in ihrer Beherrschung zugleich  weit entfernt vom Klischee der hysterischen Ehefrau. So erzählen Chazelle und Foy parallel zu den Pioniertaten des Astronauten auch von denen seiner Frau, die sich zwar nicht den Weltraum, aber doch immerhin emanzipatorisches Neuland erobert. Auch wenn das Drehbuch ihr keine Worte für ihre Gedanken und Gefühle vorgibt, versteht Foy es, sie subkutan spürbar zu machen, in den feinsten Regungen von Mimik und Haltung. Längst ist dieses subversive Anspielen gegen äußere Restriktionen ihre Spezialität geworden.

»Aufbruch zum Mond« (2018). © Universal Pictures

Nachdem sie die Queen-Rolle in »The Crown« im letzten Jahr an die ältere Olivia Colman weitergereicht hat, nutzte Claire Foy den Ruhm, um in einem Trio markanter Kinorollen ganz neue Akzente zu setzen. »Ich mache diesen Job nicht, um es mir leicht zu machen«, sagte sie dem »Guardian«. Lieber lässt sie sich am Rande des Masochismus auf extreme Widerstände und Kontraste ein: »Beim Spielen lege ich es nicht darauf an, es mir leicht zu machen. Ich liebe das Ringen. Ich liebe die Schwierigkeiten. Ich liebe es, den Ball am Hügel nach oben zu schießen.«

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