Kritik zu Solange ich atme

© Universum Film/SquareOne Entertainment

Andy Serkis verfilmt in seinem Regiedebüt die inspirierende Lebensgeschichte der Eltern seines Geschäftspartners John Cavendish: Dessen Vater Robin war der erste Mensch, der mit eiserner Lunge außerhalb eines Krankenhauses lebte

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Der erste Blick ins grüne Tal, von oben herab in weich geschwungene Wiesen und sanfte Waldungen, wirkt märchenhaft, in harschem Kontrast dazu die Einblendung, dass dieser Film auf wahren Ereignissen beruht. »Eine Liebesgeschichte über den Triumph des menschlichen Geistes über Widrigkeiten« nennt Andy Serkis die Geschichte seines Regiedebüts. Während er parallel schon seit Jahren an seiner düsteren Realverfilmung von Rudyard Kiplings »Dschungelbuch« arbeitet, auf der Basis des von ihm seit 17 Jahren stetig vorangetriebenen Motion-Capture-Verfahrens, hat er zuerst noch diese Herzensgeschichte erzählt, ganz ohne technische Hilfsmittel, mit Schauspielern, die im Bild zu sehen sind.

Es ist eine Amour fou zwischen zwei jungen, strahlend glücklichen Menschen, Robin und Diana, Andrew Garfield und Claire Foy, eine bedingungslose Liebe auf den ersten Blick, die früh auf eine fürchterliche Probe gestellt wird. Das frisch verheiratete Paar lebt in Afrika, wo Robin als Zwischenhändler für Tee arbeitet, als er beim Tennisspielen zum ersten Mal strauchelt. Nachts ver­sagen auf der Treppe seine Muskeln, er wird ins Krankenhaus eingeliefert, wo sein Leben durch einen Luftröhrenschnitt knapp ge­rettet wird. Allerdings hängt er am nächsten Morgen bewegungslos am Beatmungsgerät. Diagnose: Polio. Während Robin sterben und sie freigeben will, entscheidet Diana, dass sie allen Widrigkeiten zum Trotz an ihrer bedingungslosen Liebe festhalten wird, dass er leben soll, um seinen noch ungeborenen Sohn aufwachsen zu sehen. Und dann setzen die beiden, zusammen mit engagierten und erfinderischen Freunden und Verwandten, alles daran, um der aussichtslosen Lage ein wenig Lebensfreude abzuringen, angefangen bei einem Rollstuhl mit integriertem Beatmungsgerät, der ein Leben außerhalb des Krankenhauses und sogar Reisen durch Europa ermöglicht. Nachdem sie die eigenen Grenzen gesprengt haben, werden sie zu Botschaftern für ein lebenswerteres Leben Schwerstbehinderter, von England ausgehend in der Welt.

Das Kino liebt solche Triumphe über aussichtslose Schicksale. Andy Serkis erzählt hier die wahre Liebesgeschichte der Eltern von John Cavendish, der sein Freund und Geschäftspartner ist. Und man ahnt, wie dieses Vorbild auch den Spirit seines Studios beflügelt, in dem Schauspieler mit Hilfe des Motion-Capture-Verfahrens die Grenzen des eigenen Körpers auf verwandte Weise sprengen. Die wahrhaftigen Härten eines Lebens am Beatmungsgerät gehen allerdings in der forcierten Märchenhaftigkeit eines Feel­good-Polio-Films unter. Besonders betrüblich ist, dass ausgerechnet John Cavendish im Film keine echte Präsenz entwickelt, sondern meist nur als bedröppelter Junge in verschiedenen Altersphasen neben dem Rollstuhl seines Vaters steht. Aber Andrew Garfield und Claire Foy (die sich schon als Elizabeth II. in der Netflix-Serie »The Crown« mit innerer Stärke gegen äußere Beschränkungen behauptet hat) gelingt es dann doch noch, mit ihrem natürlichen Charme und der Wahrhaftigkeit ihres Spiels manches Realitätsloch zu überbrücken.

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