Kritik zu Unsane – Ausgeliefert

© 20th Century Fox

Paranoia oder Thriller oder beides? Claire Foy spielt in Steven Soderberghs neuem Film eine junge Frau, die sich von einem Stalker terrorisiert fühlt und
unfreiwillig in eine Klinik eingewiesen wird

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Man muss kein traditionsbewusster Zelluloid-Afficinado sein, um die Idee eines komplett mit dem Smartphone gedrehten Kinofilms etwas merkwürdig zu finden; gerade dann, wenn es sich bei dem Regisseur nicht um einen Underground-Filmemacher wie Sean ­Baker handelt, der so sein Durchbruchswerk »Tangerine L.A.« produzierte, sondern um einen etablierten Regiestar wie Steven ­Soderbergh. Nachdem Soderbergh im ­letzten Jahr mit dem unabhängig produzierten »Logan Lucky« ins ­Kinofach zurückkehrte, ist er offenbar noch immer in Experimentierlaune: Sein neuer Film »Unsane« wurde in unter zwei Wochen für ein kleines Budget mit einem iPhone aufgezeichnet – und genau so sieht er auch aus.

»Unsane« wirkt zeitweise wie das Filmprojekt einer Gruppe Teenager, die in den großen Ferien ihre Lieblingshorrorfilme nachstellen – für die Beteiligten wahrscheinlich ein großer Spaß, für Zuschauer schwer erträglich. Das liegt vor allem an der wirklich scheußlichen, schlecht ausgeleuchteten Digitaloptik des Films. Während Sean Baker die visuellen Schwächen der Telefonkamera dadurch ausglich, dass er größtenteils mit natürlichem Licht arbeitete, filmt Soderbergh zumeist in tristen, neonbeleuchteten Kellerräumen und sorgt so für einen matschigen, uninteressanten Look.

Man mag argumentieren, dass die betrübliche Optik des Films in Einklang mit seinem düsteren Inhalt steht: Es geht um die junge Sawyer, überzeugend gespielt von Claire Foy (»The Crown«), die, nachdem sie ihrer Therapeutin Selbstmordgedanken gestanden hat, zwangsweise in eine zwielichtige Klinik eingewiesen wird. All ihre Versuche des Protests werden vom ignoranten Pflegepersonal nur als weiterer Beleg ihrer vermeintlichen Geisteskrankheit und Aggressivität gewertet. Und dann ist da noch ein schmieriger bärtiger Pfleger (Joshua Leonard), bei dem es sich aus Sawyers Sicht unzweifelhaft um den gefährlichen Stalker David handelt, der ihr das Leben bereits in ihrer Heimatstadt zur Hölle machte. Aber kann man ihrer Perspektive trauen?

Zu Anfang hat die Story durchaus Biss: Wie Sawyer in die kafkaesken Mühlen des privatisierten, profitorientierten Klinik­betriebs gerät, ist ein effektives, zeitgemäßes Update des klassischen Horrorfilmsettings »Irrenanstalt«. In diesem Sinn steht »Unsane« vor allem im Dialog mit ­Soderberghs hervorragendem »Side ­Effects«, in dem er schon einmal die Untiefen des amerikanischen Gesundheitssystems im Genremodus kritisierte. Aber mehr und mehr verlieren die Drehbuchautoren Jonathan Bernstein und James Greer in »Unsane« dann den Faden: Die zunehmende Prominenz des Stalker-Plots wirkt, als würde ein gänzlich anderer, schlechterer Film sich langsam in die eigentliche Story einschleichen. Die Verbindung dieser beiden Stränge gelingt »Unsane« nicht; der Versuch mündet in einem hanebüchenen Finale, das kein Klischee auslässt und gigantische Plotlöcher aufweist. Für den ­ansonsten so kontrolliert und präzise inszenierenden Soderbergh ist dieser schludrige Film ein echter Tiefpunkt.

... Interview mit Regisseur Steven Soderbergh

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