Kritik zu The Lady in the Van

Trailer englisch © Sony Pictures

2015
Original-Titel: 
The Lady in the Van
Filmstart in Deutschland: 
14.04.2016
L: 
103 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Nicholas Hytner verfilmt das Erinnerungsbuch des britischen Schriftstellers Alan Bennett an die obdachlose Frau, die sich mit ihrem Lieferwagen für 15 Jahre in der Einfahrt seines Hauses in London einquartierte

Bewertung: 4
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 1)

Es beginnt dramatisch, mit Schwarzfilm und Geräuschen, die auf einen Autounfall schließen lassen. Danach sieht man eine Frau am Steuer eines Lieferwagens, dessen Frontscheibe gesplittert und blutüberströmt ist. Dem sie (möglicherweise) verfolgenden Polizeiwagen entkommt sie auf einer Landstraße. Jahre später begegnen wir ihr wieder, der »Lady in the Van«, die sich mit ihrem Gefährt in einer ruhigen Straße im großbürgerlichen Londoner Stadtteil Camden eingerichtet hat, von den Anwohnern mehr oder weniger toleriert. Einen dauerhaften Platz für sich und ihren Wagen findet sie schließlich in der Einfahrt des Hauses, in dem der Schriftsteller Alan Bennett lebt. Was von ihrer Seite als »vorübergehender« Aufenthalt angekündigt wird, entwickelt sich schließlich zu einer 15-jährigen Angelegenheit.

Alan Bennetts Buch, 1999 erschienen und 2004 in deutscher Übersetzung veröffentlicht, wurde später zu einem Bühnenstück umgearbeitet, das Nicholas Hytner, der Regisseur dieses Films, inszeniert hat, damals schon mit Maggie Smith in der Titelrolle. Smith verleiht der Figur Ecken und Kanten, wenn sie diejenigen beschimpft, die ihr helfen wollen, und gibt ihr gleichzeitig eine Aura des Geheimnisvollen, ihre Vergangenheit nur Stück für Stück preisgebend. Das ist das eine Merkmal, das verhindert, dass der Film zu einem Feelgoodmovie wird. Das andere ist die Selbstreflexion, die sich aus dem Beruf ihres Gegenübers ergibt.

»A mostly true story« heißt es zu Beginn, eine willkommene Abwechslung zu all den »wahren Geschichten«, die sonst ins Kino kommen. Da die eine der beiden Hauptfiguren der Geschichte ein Schriftsteller ist, erzählt der Film auch vom Schreiben, von der Verwandlung der Realität in Fiktion. Im Film verdoppelt sich der Autor immer wieder: in einen Alan Bennett, der schreibt, und in einen Alan Bennett, der lebt – die beiden geraten regelmäßig in einen Disput miteinander, wenn es um dichterische Freiheiten geht, zudem muss der schreibende Bennett sich mit den Vorwürfen von Miss Shepherd auseinandersetzen, er würde sie für seine literarische Arbeit benutzen wie zuvor schon seine Mutter. Da trifft sie bei ihm einen wunden Punkt, muss sich Bennett doch eingestehen, dass er seine Mutter in einem Pflegeheim untergebracht hat, während er sich um die fremde Frau in seiner Einfahrt rührend kümmert.

Laut Produktionsnotizen wurde der Film in der wirklichen Straße und im wirklichen Haus von Alan Bennett gedreht, am Ende, nach einem Sprung in die Gegenwart, gerät dabei das Filmteam ins Bild und der wirkliche Alan Bennett kommt hinzu, bevor der Film zeigt, wie an dem Haus eine Plakette in Erinnerung an Miss Shepherd angebracht wird. Das wahre Ende ist dann allerdings genauso dramatisch (und zugleich überhöht) wie der Filmanfang. Man muss es nicht mögen, um den Film zu schätzen.

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