Der eigenen Spur folgen

Im besten Fall landen die Filme beim richtigen Kritiker. Das kommt seltener vor, als man denkt. Mir geht allerdings oft durch den Kopf, welch ungeheures Glück manche hatten, Hans Schifferle zu finden. Das war dann in der Regel eine ganz intime Begegnung, die geprägt war von Beobachtungsgenauigkeit, Anspielungsreichtum und unbedingter Zuneigung. Er war uns Kollegen meist einen Schritt voraus, beispielsweise im Fall von Sébastien Lifshitz.

Ich erinnere mich noch lebhaft, wie er mir während der Viennale 2001 von »La Traversée« (Crossing) berichtete, den er am Vorabend gesehen hatte. Das war eigentlich eine Inhaltsangabe, aber auch die steckten bei ihm bereits voller Begeisterung. Es ging um eine Vatersuche und einen Freundschaftsdienst. Stéphane Bouquet, der später häufig als Drehbuchautor mit dem Regisseur arbeitete, forschte in den USA nach seinem leiblichen Vater, einem ehemaligen GI, und Lifshitz begleitete ihn dabei. Hans hatte eine besondere Affinität zu Filmemachern, die sich in ihrer Arbeit offenbaren, preisgeben, sich beim Filmen verletzlich zeigen. Der Neugier auf dies Gespann blieb er treu; »Wild Side« beeindruckte ihn besonders. Ich meine mich zu erinnern, dass er sehr schön über ihn geschrieben hat, als er 2004 auf der Berlinale lief. In dem fabelhaften Buch "Hans Schifferle. Berufung: Kritiker", das Rolf Aurich und Ulrich Mannes bei der edition text +kritik herausgegeben haben, kommt keine Rezension eines Lishitz-Films vor. Ich muss weiter forschen.

Lifshitz' jüngsten Film »Un jeune homme de bonne famille« (Ein junger Mann aus gutem Hause) hat Hans nicht mehr erlebt, aber er hätte ihn gewiss brennend interessiert. Wiederum geht es um eine Suche nach dem Selbst und dessen Wurzeln. Der ehemalige Pornostar Claude Loir, inzwischen über 80, erzählt von seinem bewegten Leben, das ihn aus provinzieller Enge in ein glamouröses Paris, aber vor allem in eine innere Freiheit führte. Lifshitz knüpft an die Porträts schwulen Lebens in der französischen Nachkriegszeit an, die er 2011 in „Les invisibles“ (Die Unsichtbaren) meisterlich entwarf. Sein neuer Film lief vor gut einer Woche auf arte und ist in der Mediathek (https://www.arte.tv/de/videos/119421-000-A/ein-junger-mann-aus-gutem-hause/) noch bis zum 16. August abrufbar.

Der Titel ist einerseits sarkastisch gemeint. Loir durchlebte eine getrübte Kindheit als ungeliebter (vom Vater) und ignorierter (von der Mutter) Sohn. Stets ist er den Tränen nahe, wenn er von ihnen berichtet. Der Vater stand im Krieg auf der falschen Seite, kollaborierte mit den Nazis. Die Mutter trennte sich rasch, heiratete erneut, einen Mann, den Claude nicht mochte. Zugleich jedoch schildert er das Glück, das er jenseits des "familiären Rahmens" in der Natur des Département Ariège fand, als Einzelgänger, der mit seinem Schmetterlingsnetz im Reich der Tiere, Bäume und Insekten auf Entdeckungsreise ging. Doch, er beschwört eine märchenhafte Kindheit. Seine ersten sexuellen Erfahrungen sammelte er in Clermont-Ferrand, das 100 Kilometer entfernt lag, mit seinem Moped aber rasch zu erreichen war. Das Internat empfand er als Gefängnis ("Mathematik war mir zu nahe an der Realität, aber in Geographie und Geschichte konnte ich aus ihr fliehen."), beim Militär war das anders, da spürte er plötzlich, dass er eine männliche Seite besaß, mit der er leben konnte. Über Cannes, einer "Hochburg der Homosexualität" gelangte Claude Loir nach Paris, wo er unter anderem als Statist bei der Comédie Francaise und als Darsteller in Foto-Romanen arbeitet. Auf Bildern aus der Zeit entdeckt man ein Gesicht mit suchenden Augen. Dann macht er Karriere in Pornofilmen, wo die Aura des idealen Schwiegersohns sein Markenzeichen wird. Seinen ersten Auftritt hat er als verwirrter Tankwart, insgesamt spielt er in 60 Filmen mit, darunter »D' hommes à hommes«, der 1978 zu einem Meilenstein des schwulen Pornos wird.

Lifshitz erzählt, gar nicht nebenbei, eine Sittengeschichte Frankreichs. Bis 1982 war Homosexualität in Frankreich noch strafbar (erstaunlich, da waren die Briten schneller). Jean-Claude Pascal singt von den Liebenden, die nicht verstanden und bedroht werden. Aber im Pariser Nachtleben blüht Loir auf; erst recht nach 1968. Der Dokumentarfilm bietet erstaunliches zeitgenössisches Material auf, man erheischt einen kurzen Blick auf einen Oralverkehr im Klo nahe der Gare du Nord. Woher er wohl stammt? Wahrscheinlich nicht aus den Filmen von Claude Lelouch und Francois Reichenbach, die im Abspann aufgeführt werden, sondern aus klandestineren Quellen. Gleichviel, in den Pissoirs konnte man die Liebe fürs Leben finden, erzählt der Protagonist. In den 70ern ist übrigens jeder dritte Film, der in Frankreich gedreht wird, ein erotischer. Giscard d' Estaing schafft 1975 die Zensur ab, sein Finanzminister erhöht indes die Steuern, was zahlreiche X-Kinos in den Ruin treibt. Anfang der 80er findet ein konservativer Rollback statt; der spätere Kulturminister Francois Léotard (und Bruder des Schauspielers Philippe) warnt vor Jugend verderbender Freizügigkeit auf den Leinwänden.

Claude Loir hat 2023 seine Memoiren "Confessions paiennes" (Heidnische Geständnisse) veröffentlicht, die wuchtige 470 Seiten umfassen. Durch sie wurde Lifshitz auf ihn aufmerksam. In seinem Film werden sie nicht erwähnt, was zwar merkwürdig ist, aber auch nicht sein muss. Denn der Pionier ist ein einnehmend charismatischer Erzähler. Paul Guilhaumes Kamera kann sich nicht sattsehen an seinen verwitterten Zügen. "Mein Leben hat die Realität übertroffen", sagt er stolz und wehmütig. Ein Suchender ist er noch immer, nach all dem Auf und Ab in seiner Biographie. Ob er sich gefunden hat? "Ich bin meiner Spur gefolgt", bekräftigt er. Zu einer neuen Liebe hat sie ihn jedenfalls geführt, die wiederum Tabus bricht – sein Freund stammt aus dem Maghreb und lebt auch dort. Wunderbar, mit 82 Jahren noch immer im Schwebezustand.

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