Kritik zu Harry Potter und der Stein der Weisen
Chris Columbus verfilmt detailgenau den Bestseller
Hier geht es nur noch um Superlative: Das meistverkaufte Buch, das in 46 Sprachen übersetzt ist, diente als Vorlage für den zu erwartenden erfolgreichsten Film aller Zeiten – das jedenfalls scheint schon jetzt festzustehen. Dem Phänomen Harry Potter können sich weder Groß noch Klein entziehen. Der Film wird mit einer aggressiven Kampagne beworben. Der Vorverkauf für die ersten Vorstellungen hat schon vor Wochen begonnen.
Harry Potter – die Figur ist ein Erfolgsphänomen, über dessen kometenhafte Karriere noch immer Literaturkritiker und Pädagogen diskutieren. Sollte jemand nicht wissen, worum es geht: Harry Potter lebt, seit seine Eltern ums Leben kamen, bei seinen grässlichen Verwandten. Mit elf Jahren erfährt er, dass er ein Zauberer ist und ab sofort auf die Zaubererschule nach Hogwarts gehen soll. Hier kennt jeder den kleinen Harry, denn er widerstand bereits als Baby dem bösen Voldemort, der seine Eltern umgebracht hat. Seither gilt Voldemort als tot, taucht aber im »Stein der Weisen« als Schatten seiner selbst wieder auf. Harry und seine beiden Freunde Ron und Hermine können ihn aber für diesmal noch in die Flucht schlagen.
Harrys Schöpferin, die bis dahin unbekannte Joanne K. Rowling, sah sich sehr bald den Offerten der Filmindustrie gegenüber. Ein Traumstoff, aus dem großartige Filme gemacht werden können: Freundschaft und Intrige, Erfolg und Leid, Spaß und Spannung, Zauberei und wilde Kreaturen. J. K. Rowling legte aber von Anfang an großen Wert auf die Authentizität des Ortes und der Darstellerauswahl: Es musste in England gedreht werden, mit englischen Schauspielern. Der amerikanische Regisseur Chris Columbus versprach ihr, sich ganz konsequent an die Vorlage zu halten, was ihm denn auch gelungen ist. Nach der Uraufführung in England war die Autorin hellauf begeistert – alles war genauso geworden, »wie ich es mir in meinem Kopf vorgestellt habe«. Da dürften aber schon die ersten Zwischenrufe junger Leser auftauchen: Harry sieht im Buch doch ganz anders aus, nicht mit so einem braven Allerweltsgesicht und außerdem mit immer verstruwwelten Haaren.
Daniel Radcliffe als Harry ist denn auch tatsächlich das schwächste Glied in der sonst so hochkarätigen Besetzungsliste. Er spielt einen eher zurückhaltenden, zögernden Harry, dem man zwar sofort glaubt, dass er immer misshandelt wurde in seinen ersten elf Lebensjahren, der aber nicht den Mut und die Gewitztheit ausdrücken kann, die Harry im Buch vor allem charakterisieren. Neben seinem Freund Ron – ein echter, rothaariger Lausbub – und der oberschlauen Hermine gibt Harry eher eine blasse Figur ab. Aber auch hier hatte J. K. Rowling das letzte Wort, Radcliffe war aus mehreren tausend Jungen ihr Wunschkandidat.
Die Adaption des Buches ist Columbus eins zu eins gelungen – leider, muss man hinzufügen. Denn er hat sich zu eng an die Vorgaben gehalten und in jeder Hinsicht versucht, den Text haargenau umzusetzen. So ist »Harry Potter und der Stein der Weisen« ein prachtvoller Film von zweieinhalb Stunden Länge geworden, der jedoch zu sehr in seinen großartigen Bildern schwelgt, ganz so, als hätte Columbus Angst gehabt, hinter dem Erfolg des Buches zurückzustehen. Das beginnt mit der Musik von John Williams, die einen beinahe erschlägt und die sich in keiner Szene einer Kommentierung enthalten kann. Das geht weiter mit der Lichtsetzung: Da es in der Zauberschule kein elektrisches Licht gibt, wurde hier ohne Scheinwerfer gedreht, was den Innenräumen ein anachronistisches, düsteres Aussehen verleiht, obendrein häufig mit Weichzeichner gefilmt, als dürften die Bilder nicht zu scharf werden. Diese 100-prozentige Übertragung des Buches macht außerdem deutlich, mit welchen gängigen Klischees und Topoi Rowling ihre Geschichte verfasst hat. Dumbledore beispielsweise, der milde Schuldirektor und größte Zauberer, kommt daher wie aus einem alten Bilderbuch. Mit langen weißen Haaren, langem Bart und einer Halbmondbrille sieht er aus wie eine Karikatur, ist von der Autorin aber genauso beschrieben worden.
Hier hätte man sich etwas mehr Unabhängigkeit gewünscht, mehr Mut zur Eigeninterpretation, dann wären der Film moderner und die Figuren pfiffiger geraten. Denn Harry Potter lebt schließlich in der Gegenwart, was man aber nicht einmal an den Szenen, die außerhalb Hogwarts spielen, bemerkt. Columbus versucht jedoch, noch fantastischer zu inszenieren, als die Vorlage es intendiert. Was ein wenig überrascht, da er in Filmen wie »Kevin – Allein zu Haus« und »Kevin – Allein in New York« oder »Mrs. Doubtfire – Das stachelige Kindermädchen« seine Affinität zu skurrilen Stoffen und witzigen Figuren unter Beweis gestellt hat.
Allen Kritikpunkten zum Trotz kann man sich dennoch nicht der meditativen Kraft der Bilder entziehen, genauso wenig wie man mit der Lektüre des Buches vor der letzten Seite aufhören konnte. Denn natürlich ist »Harry Potter und der Stein der Weisen« ein perfekter Film geworden, mit tollen Tricks, den besten Schauspielern und einer atmosphärischen Bildgestaltung. Jüngere Kinder, die das Buch noch nicht gelesen haben, dürften von der Dauer des Films und der Wucht der Bilder sicherlich überfordert sein. Weniger wäre mehr gewesen.











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