Interview: Nina Hoss über »Die andere Seite«
»Die andere Seite« (2026). © X-Verleih
30 Jahre ist es her, dass Nina Hoss in Joseph Vilsmaiers »Und keiner weint mir nach« erstmals auf der Leinwand zu sehen war. Seither ist sie längst nicht nur eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen Deutschlands (ausgezeichnet unter anderem mit dem Silbernen Bären der Berlinale, dem Deutschen Filmpreis und dem Grimme-Preis), sondern auch international vielbeschäftigt. Im vergangenen Jahr war sie in New York in Tschechows »Der Kirschgarten« und im Film »Hedda« zu sehen, gerade erst stand sie neben Cate Blanchett in »Elektra/Persona« am National Theatre in London auf der Bühne. Mit dem dystopischen Drama »Die andere Seite« von Mariko Minoguchi kehrt sie nun in einer deutschen Produktion in die Kinos zurück. Wir trafen sie aus diesem Anlass in ihrer Wahlheimat Berlin zum Interview
Frau Hoss, Ihr neuer Film »Die andere Seite« handelt von einem dystopisch anmutenden Szenario, in dem eine Ärztin ihre Familie durch einen sehr ansteckenden Virus, der weltweit zu grassieren scheint, verliert. Wie auch andere Infizierte, die nicht erkrankt, aber trotzdem Überträger sind, wird sie von der Gesellschaft ausgeschlossen und muss sich allein in der Wildnis durchschlagen. Welche Details dieser Prämisse reizten Sie als Schauspielerin besonders?
Gleich beim ersten Lesen des Drehbuchs war ich fasziniert von dieser Welt, in der die Figur steckt. Und davon, wie sie dem Leben und später auch anderen Menschen begegnet und das Beste macht aus dieser Situation, in die sie vollkommen unfreiwillig geraten ist. Aber mir gefiel an diesem Projekt auch die Vorstellung, mit der Figur Hanna ihren Weg wirklich auch erleben zu können. Angefangen damit, dass ich Dinge gelernt habe wie Wunden zu nähen oder Hasen auszunehmen. Wir haben uns als Team den Bergen ausgesetzt sozusagen, was manchmal bedeutete, dass Szenen einen anderen Charakter bekamen, weil z. B. ein Sturm unverhofft aufkam. Am Ende der Drehzeit sind wir dann als vierköpfiges Team mit Hanna allein losgelaufen und haben Stellen erklommen, die man sonst nicht erreicht hätte. Es war also auch das Abenteuer bei der ganzen Sache, das mich gereizt hat.
Wie fühlte sich das an?
Wir waren wirklich herausgerissen aus der Gesellschaft. Das war schon nah dran an dem, was Hanna im Film erlebt. Für die anderen ist alles in Ordnung und die Normalität geht weiter, für einen selbst aber nicht. Was macht das mit einem und was braucht es da? Der Film stellt viele Fragen, die ich mir auch gestellt habe. Und dadurch, dass wir alle eine Pandemie erlebt haben, haben solche Fragen inzwischen eine andere Bedeutung für uns. Wir können viel mehr erspüren, was für Ängste man in einer solchen Situation durchlebt und was wäre, wenn die Schraube noch eins weitergedreht würde. Auch scheint es mir, dass es guttun kann, sich diesen Fragen zu stellen. So richtig über unsere Coronaerlebnisse sprechen wir ja als Gemeinschaft nicht wirklich. Was emotional in uns vorging und was es in uns zurückgelassen hat. Aber es geht in dem Film noch darüber hinaus. Für mich ist es eine Frage des menschlichen Umgangs miteinander und warum Angst so schnell zu Ausgrenzungswünschen und Abwehr bis hin zu Gewalt führt. Auch darum geht es in dem Film. Ich bin froh, dass es so jemanden wie Hanna in der Welt gibt, und hoffe, das geht den Zuschauern auch so.
Man hätte das als reißerisch-spekulative Endzeit-Action inszenieren können …
»Die andere Seite« ist durchaus auch ein dystopisches Abenteuer. Aber ich fand auch die Momente sehr besonders, die bewusst undramatisch sind. Gerade zu Beginn des Films lässt einen die Regisseurin Mariko Minoguchi einfach erst einmal bei dieser Figur sein. Man guckt ihr einfach nur in ihrer Hütte zu und weiß noch gar nicht, warum sie sich dort befindet. Während man so intim mit dieser Person unterwegs ist, passiert so viel im Kopf. Das waren die Szenen, bei denen ich schon beim Lesen sehr neugierig wurde.
Die vielen Fragen, die der Film aufwirft und auch nicht zwingend immer beantwortet, haben Sie eben schon angesprochen. Welche Themen in dieser Geschichte sind für Sie denn die essenziellen?
Ich weiß gar nicht, ob ich alle ohne Weiteres benennen kann. Das ist das Schöne daran: Der Film gibt dir die Möglichkeit, dich und dein Leben ins Verhältnis zu setzen. Ich gehe wirklich davon aus, dass der Kinobesuch für jeden ein anderes Erlebnis ist, weil jeder darin etwas anderes findet oder woanders andocken kann. In meinen Augen geht es unter anderem um Fragen nach Freiheit, Gemeinschaft und Einsamkeit. Was macht Einsamkeit mit einem? Wann hat man das Gefühl, dass man lebt? Was passiert, wenn man kein Gegenüber hat, das einen spiegelt? Was bedeutet es, wenn man nicht angefasst wird? Gleichzeitig geht es darum, warum wir uns gegenseitig ausgrenzen und Angst voreinander haben.
Dazu kommt die Natur, durch die Hanna sich bewegt, dieses eindrucksvolle Bergpanorama zwischen Bayern und Österreich!
Dort zu drehen hatte manchmal fast etwas Unwirkliches, Erhabenes. Wobei ich sehr froh bin, dass der Film auch nicht in der Schönheit dieser Natur versinkt. Im Gegenteil. In den Bergen ist das Leben immer potenziell in Gefahr. Aber man spürt eben auch ein großes Gefühl von Freiheit, das dadurch hervorgerufen wird. Das ist die spannende Kehrseite von Hannas Situation und ihrer Einsamkeit: Sie ist vollkommen ungebunden. An einer Stelle sagt sie den tollen Satz: »Es macht ja keinen Unterschied, ob ich lebe oder ob ich tot bin. Wem hilft es denn?« Warum muss ich mich einer Beurteilung aussetzen oder der Erwartungshaltung, dass dein Leben nicht mehr lebenswert ist, wenn du Sohn und Mann verloren hast? Hanna hat letztlich die Angst vor dem Tod verloren, und daraus erlangt sie eine Freiheit und auch einen Wagemut.
Beschäftigen Sie sich mit all diesen Fragen und Themen, die wir nun angesprochen haben, eigentlich eher in der Vorbereitung oder mehr beim Dreh selbst?
Die Gedanken mache ich mir im Vorfeld. Ich muss wissen, wo die Figur steht und was sie will. Wieso es sie gibt und was der Film mit ihr erzählen will. Während wir den Film machen, versuche ich dann, die Dinge zu erleben. Mich auszusetzen ohne Plan. Da bin ich zwar angefüllt mit all den Gedanken der Vorbereitung, aber ich verliere den Draufblick auf die Figur.
Ihre Regisseurin Mariko Minoguchi beschreibt Sie als jemanden, der mehr ist als bloß eine Schauspielerin. Eher selbst eine Filmemacherin. Stimmen Sie zu? Ist Ihr Blick auf die Arbeit ein anderer als der vieler Kolleginnen und Kollegen?
Wenn ich das wüsste. Ich bin nicht so oft dabei, wenn andere Schauspieler sich mit den Regisseuren treffen. Aber ich weiß, dass mich tatsächlich immer das Ganze interessiert. Ich muss für mich selbst wissen, wie die Filmsprache ist, welche Perspektive eine Kamera einnimmt, all solche Dinge. Als Schauspielerin befinde ich mich in einem großen Zusammenhang und muss mich sehr verlassen können auf das, was mich umgibt. Ein Großteil meines Berufes besteht nun einmal darin, zu vertrauen, weil ich vieles nicht selbst in der Hand habe. Aber vielleicht meint Mariko auch den Blick, den ich auf ein Drehbuch habe.
Nämlich?
Manchmal gibt es im Skript tolle Szenen, die in sich geschlossen sind, aber bei denen ich aus der Schauspielererfahrung heraus spüre: Die Figur wird da gar nicht hingeführt. Die Szene an sich ist stark, die kann man in einen anderen Film packen. Aber hier hat sie nichts zu suchen, weil die Figur da nicht hinkommt. Als Regisseurin und Autorin spürt man das vielleicht manchmal nicht, weil man so gute Ideen hat. Das ist der Punkt, an dem ich dann sage: »Jetzt müssen wir von der Figur her denken, denn sonst kann ich das schlicht nicht spielen.« Wenn ich nicht spüre, dass mich diese Geschichte dahin spült, dann stimmt etwas nicht. Das hat mich die Erfahrung der Jahre gelehrt.
Darüber hinaus sind Ihr Blick und Ihre Erfahrung nicht nur die einer Filmemacherin, sondern natürlich auch einer Theatermacherin. Gerade standen Sie gemeinsam mit Cate Blanchett in London in »Elektra/Persona« auf der Bühne. Das war ein Projekt, das Sie beide gemeinsam auf die Beine gestellt haben, richtig?
Ja, das hat sich aus unseren gemeinsamen Gesprächen ergeben. Wir haben uns bei der Arbeit am Film »Tár« sehr gut verstanden, und diese Bindung hielt auch über den Dreh hinaus. Wir sind in einem ähnlichen Alter, aber auch unser Theater-Background verbindet uns. Die Art und Weise, wie wir arbeiten, und welche Geschichten uns interessieren, sind ähnlich. In unseren Gesprächen ging es immer wieder darum, was wir zusammen machen könnten. Wir kamen darauf, dass wir Lust hatten, gemeinsam auf der Bühne zu stehen, und der Regisseur Benedict Andrews, mit dem ich den »Kirschgarten« gemacht habe und den Cate in ihrer Zeit als Theaterchefin in Sydney mitentdeckt hat, kam dann auf die Idee mit der »Elektra«-Variation. Dass wir diesen Einfall hatten und ihn dann wirklich umsetzen konnten, zumal am National Theatre in London, war eine fantastische Kollaboration und ein großes Abenteuer, das ich mir nie hätte träumen lassen.
Also lässt sich sagen, dass »Tár« in Ihrem Berufsleben einer der entscheidenden, wegweisenden Momente war?
Bestimmt, in vieler Hinsicht. Einschneidend, aber auch bestätigend. Dem Regisseur Todd Field dabei zuzusehen, wie hart und genau er gearbeitet hat, hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, sich durch- und einsetzen zu wollen. Obwohl ihm immer wieder gesagt wurde, dass es so nicht geht, hat er seine Geschichte so erzählt, wie er das wollte. Und mit Cate zu arbeiten, war nicht nur ein Traum, sondern hat mich darin bestätigt, dass es sich lohnt, weiter zu suchen und leidenschaftlich zu bleiben.










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