Kritik zu Rose
Mit der Geschichte um eine Frau, die sich im 17. Jahrhundert als Mann ausgibt, greift der Film historische wie aktuelle Debatten um Geschlechterrollen auf.
In »Der alte Staat und die Revolution« hat Alexis de Tocqueville über das Ancien Régime geschrieben, dass Wandel erst dann möglich wird, wenn man sich vorstellen kann, dass es etwas anderes geben könnte. In einer Welt, die auf unerschütterlichen Regeln beruht, eröffnet sich für die Titelheldin von Markus Schleinzers drittem Film fast beiläufig eine fundamentale Revolution: »In der Hose war mehr Freiheit«, konstatiert sie einmal: »Und es ist ja nur ein Stückchen Stoff. Da bin ich in die Hose.« So einfach kann das sein und doch so weitreichend erschütternde Konsequenzen haben, denn Rose rüttelt an den Geschlechtergrenzen und damit am Weltbild ihrer Zeit.
Wenn am Anfang eine Gestalt auf einer Anhöhe steht und in die karge, unter einer Reifschicht wie im Dornröschenschlaf liegende Landschaft blickt, lässt der Offkommentar keinen Zweifel an der wahren Natur ihres Geschlechts: »Obwohl als Weibsperson geboren«, habe Rose »dem zum Trotz unter falschem Nam’ als Mannsbild sich betragen und viel üble Schandtat getrieben«. Zunächst funktioniert das ganz gut, Rose zeigt den Dorfbewohnern einen Erbschein, erzählt, dass sie als junger Knabe einige Zeit mit ihrer Mutter hier gelebt habe. Als Außenseiter wird sie misstrauisch beäugt, macht sich aber bald nützlich im Dorf, vergibt Arbeit gegen Geld, um den verfallenen Hof instand zu setzen, bietet den im Sturm entlaufenen Schafen der Dorfbewohner Unterschlupf, tötet gar einen Bären. Alles könnte gut laufen, würde sich Rose damit zufriedengeben: »Aber ist der Notwendigkeit Genüge getan, stellt sich gern der Wunsch ein nach mehr«, warnt Marisa Growaldt mit samtiger Stimme aus dem Off: »Denn die Gier ist ein Rausch, macht einen glauben, es stünde einem alles zu.« Häufig wirken Offkommentare wie eine Krücke, hier erzeugen sie zwischen sachlicher Schilderung und lyrischer Interpretation einen vieldeutigen Mehrwert. Das Land, auf das Rose es abgesehen hat, will der von Godehard Giese gespielte Großbauer nur im Tausch gegen eine Ehe mit seiner Tochter Suzanna (Caro Braun) hergeben, und damit nimmt das Unglück seinen Lauf. Es wird schwieriger und gefährlicher, als Mann durchzugehen.
Zugetragen wurde Markus Schleinzer diese Geschichte von einer befreundeten Historikerin, die in Gerichtsakten auf die Hinrichtung einer Frau stieß, die sich in Halberstadt als Mann ausgegeben hatte. Bei ausgiebigen Recherchen stieß Schleinzer auf Hunderte Frauen, die sich für bessere Chancen als Mann ausgaben, um Vergewaltigung und Zwangsheiraten zu entgehen oder Zugang zu Bildung oder Arbeit zu bekommen. Beim Schreiben des Drehbuchs, in dem er viele dieser Geschichten auf eine Frau verdichtet, hatte er bereits Sandra Hüller vor Augen. Auch sie macht den Film zum atemraubenden Ereignis und wurde dafür auf der Berlinale zu Recht zur besten Darstellerin gekürt. Wie so häufig hütet sie hier ein existenzielles Geheimnis, überspielt ihre Weiblichkeit unter rauen Stoffen und robuster Statur, mit schwerem Gang, tiefergelegter Stimme und halbseitig vernarbtem Gesicht. Die Kugel, die ihr im Krieg durch die Wange fuhr, trägt sie an einer Kette um den Hals, lutscht immer wieder nachdenklich an ihr, als wolle sie sich ihrer Sterblichkeit versichern, des dünnen Eises, auf dem sie sich in diesem Dorf bewegt. Allein der stille Moment der Verwunderung, der kaum merklich über ihr Gesicht huscht, als Suzanna die frohe Botschaft ihrer Schwangerschaft verkündet, reißt einen Graben auf, zwischen Schein und Sein. Ähnlich zart ist das kurze Glück, das in der entstehenden Komplizenschaft der beiden Frauen liegt.
Die altertümlich bedächtige Sprache verortet die Handlung in einer fernen Vergangenheit, »Rose« spielt in einem noch sehr mittelalterlich anmutenden 17. Jahrhundert, doch die Themen, die verhandelt werden, die Gewalt an und Diskriminierung von Frauen, klingen nach bis in die Gegenwart. Die wunderschönen milchig dunstigen Schwarz-Weiß-Bilder von Gerald Kerkletz, mit dem Schleinzer hier nach »Michael« und »Angelo« zum dritten Mal zusammenarbeitet, erinnern an »Das weiße Band« von Michael Haneke, an dem der Regisseur als Casting Director beteiligt war. Weitere Einflüsse sind schwarz-weiße Western aus Amerika und Japan, aber auch niederländische Gemälde, in denen der bäuerliche Alltag in weite Landschaften eingebettet ist, während zugleich die Gesichter in Nahaufnahmen zu Gefühlslandschaften werden.







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