Kritik zu Michael

© Fugu

Markus Schleinzer entkleidet in seinem Regiedebüt das Entführungsdrama eines kleinen Jungen in der Gefangenschaft eines Pädophilen von seiner Dramatik und zeigt den Zustand einer Normalität, in der das Grauen stets präsent bleibt

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Selten war ein ruhiger Film so laut: Markus Schleinzers Michael ist eine Sensation, insofern, als hier das Gefühl von Gewalt ganz unmittelbar entsteht, ohne in gewalttätige Bilder gefasst zu werden. Bevor er seinen ersten Film drehte, hat Markus Schleinzer viel Zeit vor der Kamera oder hinter den Kulissen verbracht, was vielleicht erklärt, warum Michael so beeindruckend ist. Schleinzer ist vor allem Schauspieler und Casting-Direktor. Er besetzte zum Beispiel Michael Hanekes Das weisse Band oder auch Wolfgang Murnbergers Knochenmann, Stefan Ruzowitzkys Die Fälscher genauso wie Benjamin Heisenbergs Schläfer. Jetzt hat er mit Michael sein Regiedebüt vorgelegt, das von den letzten fünf Monaten im unfreiwilligen Zusammenleben des 10-jährigen dass hier ein ganz normal arbeitender Mensch im Umgang mit Kollegen und Bekannten unauffällig seinem Tagewerk nachgeht. Michael wird beruflich befördert, trifft Freunde, fährt in den Urlaub und hütet sein dunkles Geheimnis nicht nur erfolgreich, sondern hat es derart in sein Leben integriert, dass er an der Rechtmäßigkeit gar nicht mehr zweifelt. Mit dem Ziel der Rekonstruktion inszeniert Schleinzer seinen Film so, als wären wir dabei.

In der Ästhetik einer flexiblen Überwachungskamera vertreibt Schleinzer alles Besondere aus der Szene; er dramatisiert nicht, baut weder Spannungsbögen auf, noch nutzt er die Intensität der bewährten Drei-Akte- Struktur. Er beobachtet. Lässt Täter und Opfer zusammen essen, fernsehen oder in den Zoo gehen, zeigt die Versorgungsund die Schutzmaßnahmen. Dass es sexuelle Gewalt gibt, daran besteht kein Zweifel. Bildlich aber bleiben alle brutalen Szenen´außen vor. Gerade dadurch aber, dass die Gewalt unsichtbar bleibt, ist sie immer präsent. In jeder Sekunde dieses zwanghaften Zusammenlebens, geht der Film an die Grenzen der psychischen Erträglichkeit. Kein noch so expliziter Film könnte dem nahekommen, denn unter den Ritualen des Alltags kann sich das Verbrechen erfolgreichund langfristig verbergen.

Man wehrt sich gegen diesen Film, weil er so gar nichts Wehrhaftes hat. Das Aufbegehren des Kindes ist einer Gewöhnung gewichen; das Böse ist damit definitiv banal und die Alltäglichkeit der größere Schrecken. Und dann, als der Freiheitsdrang des Jungen doch noch mal aufkeimt, findet die Geschichte ein dramatisches Ende. Und allein für die letzte überraschende Szene, diesen überaus gelungenen, erschlagenden Schluss, gebührt Markus Schleinzer höchstes Lob.

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