Kritik zu La Grazia
Toni Servillo hat für Paolo Sorrentino bereits Giulio Andreotti und Silvio Berlusconi verkörpert. Nun spielt er einen fiktiven Staatspräsidenten, der den Untiefen der Gegenwartspolitik sanft entrückt ist.
Als ehemaliger Richter müsste Mariano De Santis darin geübt sein, Entscheidungen zu fällen. In seinem aktuellen Amt als Präsident der Republik jedoch schiebt er sie unziemlich hinaus. Ein Gesetzesentwurf und zwei Gnadengesuche warten auf seinem Schreibtisch darauf, unterzeichnet zu werden. Aber das Staatsoberhaupt bringt seine Tage lieber damit zu, heimlich auf dem Dach des Quirinalspalastes zu rauchen und die Erinnerung an seine verstorbene Frau zu beschwören. Auch philosophische Fragen treiben ihn um: Wem gehören sie eigentlich, unsere Tage?
Gewiss war De Santis (Toni Servillo) schon in seinem Vorleben eher ein umsichtiger Rechtsgelehrter denn ein entschlussfreudiger Jurist. Grazie, räsoniert er, besteht in der Schönheit des Zweifels. Mithin praktiziert er nun als Politiker eine liebenswürdige Entschleunigung. Die Angelegenheiten wollen schließlich genau erwogen sein. Und ihm bleiben noch sechs Monate im Amt, um über sie zu befinden. Seine Tochter Dorotea (Anna Ferzetti), auch sie eine exzellente Juristin, verliert indes die Geduld ob seines Zögerns. Er war kein Vater, dem man leicht nahekam. Aber jetzt ist sie seine engste Beraterin und hat maßgeblich an dem Gesetzestext mitgewirkt, der Sterbehilfe unter Straffreiheit stellt. Noch einen zweiten Vertrauten hat De Santis im Palast, den verständigen Sicherheitschef (Orlando Cinque), der zu diskreten Anflügen von Weisheit fähig ist. Seine alte Schulfreundin Coco Valori (Milvia Marigliano), eine resolute Kunstkritikerin, wiederum fungiert als gewissermaßen außerpolitisches Korrektiv seines Gebarens, als Stimme der praktischen Vernunft.
Die politische Kaste mag De Santis »Betonkopf« nennen, aber das ist kein Schimpfwort, sondern ein Kosename. Das Volk verehrt ihn, weil er geschickt verhindert hat, dass ein rechtsextremer Narr an die Macht kam. Der Papst, ein unverhofft lässiger Geselle, schätzt ihn. Paolo Sorrentino betrachtet diese Konstellation mit neugierigem Wohlgefallen. Er ist ohnehin ein Regisseur, der gern auf den Korridoren der Macht wandelt; schon aus inszenatorischer Eitelkeit. Die Eleganz ist seine schönste Sorge. Einem solchen Ambiente kann er nicht widerstehen, lässt sich verzaubern vom Prunk und den Ritualen der Staatsführung. In diesem prachtvollen Dekorum nistet, das ist seine zweitschönste Sorge, eine exquisite Melancholie. Servillo verleiht ihr mehr Facetten, als sich so manch anderer Darsteller überhaupt vorstellen könnte. Gründlich erkundet er die Einsamkeit und ethischen Fallstricke der Macht, um sodann noch eine weitere Anfechtung aufzuspüren, die tiefer schürft. Das Andenken an seine Frau Aurora ist nicht mehr makellos, seit der Witwer erfahren hat, dass sie ihn vor 40 Jahren betrog. Nur Coco kennt ihr Geheimnis, schweigt aber beharrlich. Es sucht ihn unablässig heim: ein Geisterfilm.
De Santis droht, sich selbst in ein Gespenst zu verwandeln. Seine Auftritte auf der politischen Bühne muten zusehends entrückt an. Er träumt von Schwerelosigkeit. Aber jetzt kommt die zweite Bedeutung des Filmtitels ins Spiel: Der Präsident handelt in einem Zustand der Gnade. Er wird sich seinen Aufgaben stellen – mit besonnener Tatkraft und in dem ihm eigenen Tempo.




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