02/2017

In diesem Heft

Tipp

Brit Marling und Zal Batmanglij haben mit »The OA« für Netflix einen atemlosen und abgefahrenen Trip durch Zeit und Raum geschaffen. Kaum eine Serie der letzten Zeit hat solch kontroverse Reaktionen hervorgerufen – vehemente Ablehnung auf der einen und glühende Verehrung auf der anderen Seite
15. und 16. Februar, Berlin – Deutsches Genrekino gilt als sehr unterentwickelter Zweig des nationalen Filmschaffens. Unter dem Label »Neuer Deutscher Genrefilm« wird nach mehr Vielfalt in der nationalen Filmszene verlangt und Filmpolitik betrieben. Die Genrenale zeigt sich dabei als Forum für entsprechendes Filmschaffen und bietet Filmemachern, Branchenvertretern und Publikum nun im fünften Jahr in Folge eine Plattform. Neben der unverzichtbaren Filmsichtung bereichert zum zweiten Mal auch ein Drehbuch-Pitching das Programm.
8. bis 16. Februar, Berlin – Zum dritten Mal inkorporiert die Berlinale das vom Verband der deutschen Filmkritik ins Leben gerufene Programmsegment. Die Veranstaltung soll anregen zum Nachdenken über Film in all seinen Facetten, das Kino als Institution sowie die publizistische Auseinandersetzung mit eben diesen Themen. Nach einer die Veranstaltung einleitenden Konferenz wird täglich ein Film in den Hackeschen Höfen gezeigt und im Anschluss bei einer Debatte mit kulturpolitischen und ästhetischen Fragestellungen verknüpft.
2. Februar bis 5. März, Berlin – Den Anlass des dreißigjährigen Bestehens des Festivals möchte die Transmediale ausdrücklich nicht dafür nutzen, in der Vergangenheit zu schwelgen, sondern in die Zukunft zu schauen. Unter dem Titel »ever elusive« werden heutige Medienpraktiken neu infrage gestellt. Auch ein Film- und Videoprogramm ist Standpfeiler des Festivals. Es besteht aus Lang- und Kurzfilmen, Experimentalem und Videoinstallationen.
1. bis 22. Februar in München – In der bereits laufenden Filmreihe »Kino und Malerei« zeigt das Filmmuseum München auf, wie sich das Medium Film der Malerei zu nähern versucht. Jeweils mittwochs ist dazu ein Film zu sehen, zum Beispiel der britische »Love is the Devil: Studie für ein Porträt von Francis Bacon«, in dem Francis Bacon einen verunglückten Einbrecher zu seiner künstlerischen Inspiration macht. Auch der Cannes-Sieger von 1992 ist zu sehen: »El Sol del Membrillo« verhandelt den Versuch des spanischen Malers Antonio Lopez, das Licht im Astwerk eines Quittenbaums einzufangen, und vereint filmische Stränge des Dokumentarfilms, der Fiktion und des Essays in sich.
9. bis 15. Februar, Berlin – Während sich zur Berlinale Stars und Arthouse-Schwergewichte die Klinke in die Hand geben, erhellen parallel ein paar Straßen weiter im Babylon Kino Independent-Filme aus aller Welt die Leinwand. Zum neunten Mal setzt das Festival den Berlinale-Kontrast und ist gleichzeitig Präsentations- und Networkingmöglichkeit für aufstrebendes Independentkino und seine Filmschaffenden. Werke aller Längen sind zu sehen, viele Beiträge stammen aus Deutschland. Frankreich, Amerika und Großbritannien sind im Langfilmprogramm ebenfalls repräsentiert.
am Mi., den 22.02. in Frankfurt am Main – epd Film-Redakteur Rudolf Worschech spricht mit Maria Steinkühler und Markus Mischkowski über ihren Film »Weiße Ritter«
In seinem neuen Film zeigt sich Asghar Farhadi wiederum als der diplomatische Dissident unter den iranischen Gegenwartsregisseuren. Seine Gesellschaftsparabel schildert die Erschütterung des Alltags eines Paares aus dem modernen Bildungsbürgertum, das sich nach einem Überfall voneinander entfremdet und sich sozialem Druck ausgesetzt sieht

Thema

Ihren endgültigen Durchbruch erlebte Viola Davis mit einer Serienrolle: In »How to Get Away with Murder« verkörpert sie eine weiblich-schwarze Spielart des Antihelden à la Walter White. Im Kino bislang auf die üblichen Nebenrollen reduziert, kommt sie derzeit in Denzel Washingtons Dramaverfilmung »Fences« groß raus
Nach langer Kinopause meldet sich Paul Verhoeven eindrucksvoll zurück: mit einem dunkel funkelnden Juwel, das alle Kategorien von Gut und Böse sprengt. Der Academy war »Elle« erwartungsgemäß suspekt, bei den Golden Globes aber holte das bissige Vergewaltigungsdrama die Preise für den besten Auslandsfilm und die beste Hauptdarstellerin. In diesem Monat ist Paul Verhoeven Präsident der Berlinale-Jury
Konsequent aus der Perspektive von Katharina von Bora hat Julia von Heinz die private Geschichte der Reformation verfilmt. »Katharina Luther« läuft am 22. Februar um 20.15 Uhr in der ARD. Rudolf Worschech hat mit der Regisseurin über das Fernsehereignis gesprochen
Filme für 500 Euro: Die deutsche Independentszene ist vielleicht arm – aber vielfältig. Urs Spörri über junge und ältere Autorenfilmer
Unsere "steile These" des Monats Februar

Meldung

Filmkritik

Gore Verbinskis Mystery-Thriller »A Cure for Wellness« ist weder mysteriös noch spannend. Die deutsch-amerikanische Ko-Produktion sieht zwar nett aus, doch der recht simple Plot und die unfassbaren Längen, in denen er überoffensichtlich erzählt wird, rechtfertigen die zweieinhalb Stunden Laufzeit gar nicht
Zehn Jahre nach »Black Book« meldet sich Paul Verhoeven endlich wieder mit einem neuen Kinofilm zurück. Eine von Isabelle Huppert grandios verkörperte Unternehmerin wird in ihrer Villa vergewaltigt und lässt sich daraufhin auf eine Affäre ein. Dabei verschwimmen außer der Grenze zwischen Opfer und Täter auch die Genres. In »Elle« wird der Thriller zur bitterbösen Gesellschaftssatire
Peter Berg inszeniert die Geschehnisse des Bostoner Marathon-Anschlags als packendes Drama und als berührende Würdigung der Opfer, Helfer und Polizisten – exzellent besetzt und hervorragend inszeniert. »Patriot's Day« ist kein Film über islamistischen Terror, sondern über Solidarität und die Kraft eines Gemeinschaftsgefühls
Diese Geschichte einer Traumatisierung und ihrer Folgen zeigt das gewaltvolle Tun und Treiben einer einsamen, jungen Frau irgendwo im amerikanischen Hinterland als traurig-zärtlichen Albtraum. In gewagten Ellipsen erzählt und mit hohem ästhetischem Anspruch ins schwarzweiße Bild gesetzt. »The Eyes Of My Mother« ist ein Horrorfilm für Erwachsene
Philip Roth' Bildungsroman eines jüdischen Metzgerssohnes, der 1951 der Einberufung nach Korea durch das Stipendium für eine Universität im Mittelwesten entgeht, liefert die Vorlage zum wohltemperierten Regiedebüt des Autors und Produzenten James Schamus. In feinsinnigen Dialogen und sacht entrückten Bildern evoziert »Empörung« das repressive Klima der McCarthy-Ära
»Enklave« ist ein Film, der zeigt, was vom Kriege übrig blieb. Die kleinen serbischen Dörfer, die komplett vom Kosovo umschlossen sind, bewahren hartnäckig ihre Zugehörigkeit zu Serbien, obwohl in der Realität kaum noch Verbindungen bestehen. Und es sind nicht zuletzt die Kinder, die darunter leiden
Der Manager-Achtsamkeits-Film »From Business to Being« von Hanna Henigin und Julia Wildgruber laviert eher unentschlossen zwischen gesellschaftlicher Analyse, Darstellung wissenschaftlichen Forschungsstand und Ratgeber-Nützlichkeit und dürfte wohl vor allem in einschlägigen Seminaren seinen Weg machen
Ein Junge, der auf einer Mars-Station geboren wurde, erlebt einen Kulturclash der besonderen Art als er auf der Suche nach seinem Vater und der Liebe die Wunder und Widrigkeiten des Erdenlebens für sich entdeckt. Peter Chelsoms neuer Film »Den Sternen so nah« ist zugleich warmherzige Komödie, Weltraumabenteuer und zarte Romanze
Christoph Schuch (»Der Traum ist aus – Die Erben der Scherben« 2001) und Cutter Reiner Krausz wollen mit ihrem Film »Europa – Ein Kontinent als Beute« zum Nachdenken und Diskutieren für ein besseres bürgerfreundlicheres Europa anregen, ersticken ihr unterstützenswertes Ansinnen aber unter einem solchen Berg von Suggestion, dass der Film ein zweites Sehen schlecht verträgt
Ein Vater will die Beziehung seiner Tochter zu einem Drogenhändler beenden und gerät dabei in eine Spirale der Gewalt. Der isländische Filmemacher Baltasar Kormákur kühlt die klassische Thriller-Geschichte in »Der Eid« derart herunter, dass sie einen trotz aller handwerklichen Meisterschaft kalt lässt
In einem England der nicht so fernen Zukunft sind die Untoten in der Überzahl, die noch nicht infizierten Menschen haben sich auf Militärbasen verschanzt. Ein zehnjähriges Mädchen, infiziert, aber mit einem Bewusstsein seiner selbst, wird zum letzten Hoffnungsträger. »The Girl with all the Gifts« zeigt eine Zombie-Apokalypse der anderen Art, mit ausgefeilten Charakteren, zumal der Titelfigur
Der Dokumentarfilm »Erzähl es Niemandem!« nach dem gleichnamigen Sachbuch von Randi Crott: eine Spurensuchen nach dem Vater, der als Wehrmachtssoldat in Norwegen stationiert war
Mit seinem teilweise fiktiven Biopic »Neruda«, einem bildgewaltigen Vexierspiel, feiert Larraín den chilenischen Dichter Pablo Neruda, dessen großbürgerlichen Eskapaden er neue Seiten abgewinnt
»Timm Thaler« lässt sich auf verschiedene Ebenen entschlüsseln. In Andreas Dresens Verfilmung treten unter anderem in verkleideter Form Gaddafi oder Kim el Sung auf – eine wahrhaft gruselige Gesellschaft, die es zu besiegen gilt
Das paradigmatische Schicksal eines schwarzen Mannes im Pittsburgh der 50er Jahre: Denzel Washington hat in seiner dritten Regiearbeit »Fences« das Theaterstück von August Wilson verfilmt und sich und Viola Davis darin große Auftritte verschafft
Dokumentarfilm über das Kino im Dritten Reich, die Propaganda auch in unpolitischen Filmen und die gelegentliche Doppeldeutigkeit der Bilder. »Hitlers Hollywood« zeigt Film als Seismograph gesellschaftlicher Entwicklung mit vielen bedenkenswerten Einschätzungen, der den Zuschauer durch den Verzicht auf Ruhepunkte allerdings atemlos zurücklässt
In seinem neuen Film »The Salesman« zeigt sich Asghar Farhadi wiederum als der diplomatische Dissident unter den iranischen Gegenwartsregisseuren. Seine Gesellschaftsparabel schildert die Erschütterung des Alltags eines Paares aus dem modernen Bildungsbürgertum, das sich nach einem Überfall entfremdet und massivem sozialen Druck ausgesetzt sieht
Monster auf der einen Seite, Chinesen auf der anderen – und mittenmang ein weißer Held: Die große Mauer als Austragungsort eines ebenso spektakulären wie spekulativen Kulturk(r)ampfes, aus dem als strahlender Sieger am Ende der Kommerz hervorgeht. »The Great Wall« ist fast zu viel fürs Auge, deutlich zu wenig fürs Hirn und in jedem Fall kein sonderlich guter Film
Der Dokumentarfilm »Noma – My Perfect Storm« über den Koch René Redzepi und sein berühmtes, gleichnamiges Restaurant liefert interessante Informationen über das Konzept des Restaurants, bleibt auf Dauer aber zu oberflächlich und wird letztlich zur Huldigung an einen Starkoch
Griechischer Episodenfilm, der drei internationale Lovestorys vor dem Hintergrund des krisengeplagten Athens miteinander verwebt. Trotz wohlmeinender, kosmopolitischer Ausrichtung bleibt »Worlds Apart« blass und konventionell
Ein Puppentrickfilm nicht nur für Kinder, sondern für die ganze Familie, der von der Not, aber auch den Sehnsüchten und Freuden einer kleinen Heimkinderschar erzählt. Charakteristische Puppen inszeniert in außergewöhnliche Kulissen: »Mein Leben als Zucchini«
Ein österreichischer Film über die sogenannte Bobo-Szene, die sich als bohémien versteht, aber bourgeois benimmt. In dieser wunderbaren Widersprüchlichkeit erzählt Marie Kreutzer in »Was hat uns bloß so ruiniert« von drei Paaren, die zur selben Zeit Eltern werden und daran ihre Ideale zerschellen sehen
Die Story vom biederen Ehepaar, das in die geheimnisvollen Intrigen der Nachbarn verwickelt und dadurch belebt wird. »Die Jones« ist so rasant und actionbetont in Szene gesetzt, dass nichts zu lachen übrig bleibt
Sensibler Kriegsfilm über einen US-Soldaten, der als gefeierter Held eine Heimattournee über sich ergehen lassen muss. Regisseur Ang Lee inszeniert »Die irre Heldentour des Billy Lynn« gewohnt unaufgeregt und realistisch und erzählt von den grotesken Mechanismen der Unterhaltungsmaschinerie, aber auch von der Grausamkeit des Kampfeinsatzes und der Entfremdung zwischen Soldaten und Daheimgebliebenen
Ruhiger, vielleicht zu ruhiger Film über ein Sanatorium an der rumänischen Küste, in dem ein dem Dichter Max Blecher nicht unähnlicher junger Mann sein Leben beendet. Das Fremde in »Scarred Hearts« aber ist weder die Krankheit noch das Land, sondern seine steife Bildlichkeit
Der fünfjährige Saroo wird durch einen Zufall von seiner Familie getrennt, schließlich adoptiert ihn ein australisches Paar. Erwachsen macht der Inder sich mit Hilfe von Google Earth auf die Suche nach seiner Vergangenheit und seiner Familie. Beruhend auf einer wahren Begebenheit, berührt das Adoptionsdrama »Lion« mehrere emotionale Themenkomplexe unter vollem Einbezug melodramatischer Mechanismen
Anfang der sechziger Jahre profitiert die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA im Wettrennen mit der UdSSR um die bemannte Raumfahrt von den mathematischen Fähigkeiten dreier Afroamerikanerinnen, die sich gegen Widerstände ihrer (weißen und männlichen) Kollegen und Vorgesetzten erst durchsetzen müssen. Basierend auf realen Figuren, zeigt »Hidden Figures« ein Stück verdrängter Emanzipationsgeschichte, manchmal mit dokumentarischer Nüchternheit, meist aber emotionalisierend
Die etwas ziellose Komödie »Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste« über die Zwangseinquartierung armer Menschen in großbürgerliche Wohnungen porträtiert mit dialogstarkem und gallebitteren Witz eine in politische Lager aufgeteilte Gesellschaft
Das geradlinige Finale »Resident Evil: The Final Chapter« bleibt dem Erfolgsrezept der Zombiethriller-Reihe treu und lässt die mätzchenfreie Actionheldin Alice quasi Heiligenstatus erlangen

Film