Streaming-Tipp: »The OA«

© Netflix

Annäherung an das Unfassbare

Tai Chi soll ja sehr gesundheitsfördernd sein. Aber: Lassen sich mit einer Mischung aus rhythmischer Sportgymnastik und Modern Dance auch Krankheiten heilen, Tote ins Leben zurückrufen und Schulmassaker vermeiden? Diese Fragen wirft die Netflix-Serie »The OA« auf. Doch der Reihe nach.

Ein verwackeltes, an Filme wie »Cloverfield« erinnerndes Handyvideo zeigt eine befahrene Autobahnbrücke. Durch die Windschutzscheibe eines fahrenden Wagens ist zu sehen, wie eine junge Frau über die Brüstung in den Tod springt – kurz vorher aber noch einmal in die Kamera schaut. »Oh Gott, sieh nicht hin!«, schreit eine am Steuer sitzende Mutter ihrer Tochter auf dem Rücksitz zu – sie ist es, die diese Szene zufällig aufnimmt. Man möchte aber hinsehen. In dieser Netflix-Serie über eine mysteriöse Selbstmörderin, deren Rätsel selbst am Ende der letzten Episode nicht wirklich gelüftet wird, blickt der Zuschauer dem Tod ins Auge. Buchstäblich.

Erschaffen wurde dieser achtstündige Trip ins Jenseits unter anderem von Brit Marling, die dem Seriengenre in doppelter Hinsicht erfrischende Impulse verleiht: als überzeugende Hauptdarstellerin und als Koautorin. Liegt es daran, dass die 35-Jährige eine Quereinsteigerin im besten Sinn ist? Nach ihrem Abschluss an der Georgetown-Universität lag der studierten Ökonomin eigentlich ein Jobangebot von Goldman Sachs vor, doch sie entschied sich für den Film. Da die Rollenangebote zu klischeehaft waren, schrieb sie sich ihre Stoffe lieber selbst auf den Leib und avancierte in kleineren Produktionen wie »Another Earth« und »The East« zur Independent-Ikone.

Mit Zal Batmanglij, einem iranischstämmigen Filmemacher, der nach einigen gemeinsamen Projekten nun auch bei dieser Netflix-Serie Regie führt, teilt Brit Marling ein Faible für esoterische Sujets. »The OA«, produziert von Brad Pitts Company Plan B, wirft einen Blick auf sogenannte Nahtoderfahrungen. Für sich genommen ist das nicht originell. Im Gegensatz zu einem themengleichen Horrorthriller wie »Flatliners« wird hier aber nicht einfach nur erzählt, wie Teenager das Sterben als neuartige Form von Kick einüben. Es geht vielmehr um das Erzählen selbst: Brit Marling verkörpert als Prairie Johnson alles andere als eine typische Sympathieträgerin.

Die junge Frau war spurlos verschwunden und kehrt zu Beginn der Serie nach dem oben beschriebenen Selbstmordversuch überraschend zu ihren Adoptiveltern zurück. Aber wo war sie in den vergangenen sieben Jahren? Und warum kann das früher blinde Mädchen nun wieder sehen? Diese Rätsel lüftet Prairie nach und nach gegenüber fünf Außenseitern, die sie um sich sammelt, um ihnen in jeweils einstündigen Sitzungen von dem zu erzählen, was ihr widerfahren ist. Dabei entfaltet sich die Geschichte in zwei Richtungen gleichzeitig. Gestaffelte Rückblenden zeichnen Prairies Schicksal nach. Unterdessen werden die Charaktere ihrer fünf Zuhörer subtil und einfühlsam ausgeleuchtet, unter ihnen eine pummelige Lehrerin und ein verhaltensauffälliger Testosteron-Macho, der von seinen Eltern in ein Bootcamp abgeschoben werden soll.

Die Szenerie dieses typisch amerikanischen Highschool-Teenager-Dramas – in dem die Häuser aber wie auf einem Gemälde von René Magritte aussehen – öffnet sich auf eine Reihe exotischer Schauplätze: Teile der Handlung spielen auf Kuba und in Russland. In einem Zwischenreich zwischen Leben und Tod macht Prairie zudem die Bekanntschaft einer mütterlich anmutenden Göttin.

In diesem von zahlreichen Ellipsen geprägten erzählerischen Geflecht werden mit der Zeit die Schlüsselrollen dreier Vaterfiguren erkennbar. Während ihrer Kindheit in Moskau war Prairies leiblicher Vater, ein russischer Oligarch, der Einzige, der ihren quälenden Alpträumen beikam. Nach seinem Tod gelangte das infolge eines Unfalls erblindete Mädchen auf Irrwegen zu ihren amerikanischen Adoptiveltern. So behütet diese Welt, in der man beim Betreten des Hauses die Schuhe auszieht, auch ist: Prairies quälende Alpträume werden hier mit Psychopharmaka behandelt. Deshalb begibt die junge Frau sich irgendwann auf die Suche nach ihrem leiblichen Vater, an dessen Tod sie nicht glaubt. Sie gerät in die Fänge eines Wissenschaftlers (Jason Isaacs), der in seinem unterirdischen Labor noch weitere Teenager in Glaskäfigen gefangen hält. Er möchte ihre Nahtoderfahrungen »empirisch « erforschen.

Brit Marling und Zal Batmanglij unternehmen einen atemlosen und abgedrehten Trip durch Zeit und Raum, Leben und Tod. »The OA« fängt da an, wo Darren Aronofskys »The Fountain« einst aufhörte. Nicht zufällig polarisiert die Serie ungemein. Euphorische Zustimmung wechselt mit Kritik an der kryptischen Geschichte mit ihren vielen offenen Enden. Tatsächlich sind Prairies Erzählstunden über Engel und interdimensionales Reisen mit esoterischen Kalendersprüchen gespickt. Zuweilen riecht das alles sehr nach Patschuli.

Was diese gewagte erzählerische Gratwanderung vor dem Absturz in den Kitsch bewahrt, ist nicht nur die überbordende Fülle lebendig gezeichneter Figuren. Noch nie hat man die Teenagerinitiation in einer solch verstörenden Zuspitzung gesehen. Der Wissenschaftler, der seine Probanden immer wieder im Moment des Sterbens beobachtet, will etwas Ähnliches »erforschen« wie einst der Lustmörder in Michael Powells »Peeping Tom«. Mit dem Unterschied, dass der von Isaacs glänzend gespielte Dr. Hap und sein abseitiges Versuchsdesign aus einem frühen Film von David Cronenberg stammen könnten. Dieser »Mad Scientist« sieht dem Tod selbst bei der Arbeit zu. Seine Blicke ins Jenseits übersetzt die Serie in wirklich verstörende Bilder. Dabei geht es nicht, wie im Kino so häufig, um hysterische Schockmomente, sondern um die beinahe meditative, subkutane Annäherung an das Unfassbare. Das gemächliche Tai Chi, mit dem die Probanden ein subversives Gegenmittel gegen Dr. Haps perverse Forschung entwickeln, ist eine überzeugende filmische Erfindung. Wird dieser skurrile Tanz eingesetzt, um die negativen Energien eines Schulmassakers zu absorbieren, dann gelingen der Serie wunderbar schräge Bilder, die man so noch nie gesehen hat. Dancing for Columbine?

Meinung zum Thema

Kommentare

Wow, ihr habt einfach mal die komplette Handlung der Serie erzählt, sogar den Schluss. Und das ohne Spoiler-Warnung. Gar nicht nett!

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