Kritik zu Zweite Chance

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Gute Mütter, schlechte Mütter, bürgerliches Glück und Unterschichtenunglück –das alles spielt Susanne Bier in ihrem neuen Film mit achterbahnartiger Dramaturgie gegeneinander aus

Bewertung: 3
Leserbewertung
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2 (Stimmen: 2)

Der Anblick, mit dem die beiden Polizisten konfrontiert sind, als sie in einem Fall von häuslicher Gewalt zu Hilfe kommen, ist herzzerreißend und für Eltern schier unerträglich: ein verlottertes Junkie- Pärchen mit einem kleinen Baby, das sie weitgehend sich selbst überlassen, mit den eigenen Fäkalien besudelt und schreiend vor Hunger nach Nahrung und Zuwendung. Umso liebevoller umfängt Andreas (Nikolaj Coster-Waldau) zu Hause sein eigenes Baby, obwohl es seine Eltern mit ständigem Schreien auf eine harte Probe stellt und sie Nacht für Nacht über leere Autobahnen fahren müssen, damit es sich beruhigt.

Das fragile Babyglück wird in diesem Film mehrfach auf eine harte Probe gestellt. Dann liegt eines Morgens Andreas' Baby tot im Bettchen, und er beschließt kurzerhand die Linderung des eigenen Leides mit der Rettung des fremden Kindes kurzzuschließen – was schon ein ziemlich verwegener, dramaturgischer Schachzug ist. Nun mag man noch davon ausgehen, dass die völlig benebelte Mutter des geklauten Babys nichts merkt, aber hofft er allen Ernstes seiner Frau das fremde Kind unterzujubeln? Und wie verträgt sich die zwar menschlich verständliche, aber rechtlich hochkriminelle Tat mit seiner Existenz als Polizist? Völlig aus dem Ruder gerät die Situation, als der leibliche Vater den untergeschobenen Leichnam kurzerhand verschwinden lässt, um eine Gefängnisstrafe zu vermeiden. Während die leibliche Mutter unerwartet heftig um ihr Kind trauert, beginnt die Frau des Polizisten sich unerklärlich auffällig und hysterisch zu benehmen.

Recht dick und plakativ ist das alles aufgetragen, wozu nicht nur Susanne Bier gelegentlich neigte, sondern auch Anders Thomas Jensen, der für sie schon die Drehbücher von In a better World, Brothers, Nach der Hochzeit, Für immer und Ewig, und zuletzt Love is all you need geschrieben hat. In seinen eigenen Regiearbeiten Blinkende Lichter, Dänische Delikatessen und Adams Äpfel umgeht der verdiente Autor von Dogma-Filmen wie Mifune das Problem, indem er den bitteren Ernst des Lebens in komödiantisches Rabenschwarz taucht. Doch ohne diese Überhöhung tritt der moralische Zeigefinger allzu offensichtlich zutage, im harschen Licht der Wirklichkeit wirken seine Konstruktionen bisweilen allzu schicksalhaft zusammengezurrt. Während sich Andreas also immer mehr im Netz der Gefühle zwischen schlechtem Gewissen, Trauer, Schmerz, Angst und Reue verheddert, nimmt das Schicksal in einer Reihe von fatalen Fehlentscheidungen seinen schrecklichen Lauf, wobei der schwindelerregende finale Twist, manche Unglaubwürdigkeit nachträglich plausibel macht. Allen Holprigkeiten zum Trotz eröffnen Susanne Bier und Anders Thomas Jensen ein weites Feld beunruhigender Gedanken zum Thema Elternschaft, in einer Achterbahnfahrt der Gefühle zwischen Verantwortung und Mitgefühl, Schuld und Sühne.

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