Kritik zu Zuhause ist es am Schönsten

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In Gabriele Muccinos (»Sieben Leben«, »Das Streben nach Glück«, »Ein letzter Kuss«) Ensemble-Drama gerät ein Familienfest zur großen Abrechnung

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Natürlich ist der Titel von Gabriele Muccinos neuem Film die blanke Ironie. Zu Hause ist es nämlich nur in der Vorstellung am schönsten. Tatsächlich aber warten dort immer auch die Geister, sprich: die Konflikte der Vergangenheit. Zumindest im Kino. Und je mehr Familienmitglieder dabei sind, desto größer die Chance, dass es irgendwann kracht. Das ist natürlich auch ein Klischee, welches Muccino allerdings hemmungslos bedient.

Der Anlass ist eine goldene Hochzeit, zu der der gesamte Clan der Jubilare anreist; sogar eine Exschwiegertochter ist dabei.  Das Eintreffen der Familienmitglieder ins­zeniert Muccino zwar nicht sehr originell, aber effektiv und dynamisch. Die Wiedersehensfreude und die typischen Floskeln werden stimmig abgehandelt, die potenziellen Animositäten pointiert angedeutet. Trotzdem hat man als Zuschauer Mühe,  die Familienverhältnisse zu durchschauen.

Der Ort des Festes ist eine Villa auf einer Insel unweit der Küste. Schon zu Beginn weht am Hafen ein rauer Wind – eine arg augenfällige Metapher für die anstehenden Gefühlswallungen. Bald wird daraus ein Sturm. Das Wetter macht eine Rückkehr  aufs Festland unmöglich. Notgedrungen müssen die Gäste zwei Nächte länger bleiben. Zeit genug, um die notdürftig gewahrte Harmonie bröckeln zu lassen. Bis dahin vergehen allerdings fast 40 Minuten, in denen die Geschichte belanglos vor sich hin plätschert. Der Elan des Beginns weicht einer Ödnis, denn je mehr wir über die Familie erfahren, desto deutlicher wird, dass wir fast alle Figurentypen schon zigmal in anderen Filmen gesehen haben: Der eine Sohn ist ein charmanter Beau, der zweite  ein unterjochter Ehemann; es gibt eine ­zickige Ehefrau, die kluge Exfrau und eine sich nach Romantik sehnende Cousine. Dass der fahrige Cousin der ewige Verlierer ist, erkennt man sofort an seiner Glatze und dem unpassend bunten Hemd. Und natürlich sind da die Eltern mit dem Herz aus Gold, die sich um die Lebensführung ihrer Kinder sorgen, ihnen aber nur Binsenweisheiten mitgeben können. Die schönste Idee ist ein alter Onkel, der durch seine Alzheimer-Erkrankung eine kindliche Unschuld ausstrahlt und in einer Art glückseliger Vergangenheit lebt. 

Wenn es dann endlich losgeht, mit den Affären und Enthüllungen, wirkt auch das seltsam antiklimaktisch. Wir sehen klischeehafte Ehekonflikte und Leute mit Geldsorgen (natürlich beim schwangeren Paar), verbotene Amouren und treulose Ehemänner (die Geliebte wartet natürlich in Paris). Mag sein, dass Muccino möglichst realitätsnah bleiben wollte, aber gerade dann ist der Grat zwischen Wahrhaftigkeit und Trivialität ­besonders schmal. Keines der Schicksale vermag zu berühren, weil kein Charakter die nötige Tiefe bekommt. 

Dazu passt auch, dass der Film sich am Ende in Versöhnlichkeit flüchtet. Ein Sturm im Wasserglas. Und was den Titel betrifft: Man sollte ihn vor allem als Rat an den ­Kinogänger verstehen.

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