Kritik zu Zarte Parasiten

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Landläufig genießt der Parasit keinen guten Ruf. Für das Regisseur- und Drehbuchautorenteam Christian Becker und Oliver Schwabe sind seine Protagonisten jedoch »Idealisten in eigener Sache«

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Wäre das Drehbuch zu »Zarte Parasiten« in seiner Reduktion aufs Wesentliche nicht an sich schon eine Wohltat im geschwätzigen Dauergeplapper, dem man des Öfteren auf der Leinwand folgen muss, könnte man den beiden Regisseuren, oder wer immer dafür verantwortlich zeichnet, allein für den subtilen Titel danken, der aus dem Stand heraus neugierig macht und mit Assoziationen spielt, ohne dass man wüsste, worum es geht.

Jakob und Manu sind aus der Welt gefallen – und in einer Randzone, im Wald, gelandet. In einer geschützten breiten Kuhle haben sie sich auf dichtem Laub eingerichtet. Ihr Lager hat nichts Provisorisches an sich, sondern ist pragmatische Wohnstätte. Die Aussteiger machen es sich möglichst bequem, mit Schlafsäcken,  Zelt, Campingkocher und Vorräten. Sie sind ganz bei sich, zwar ohne festes Dach überm Kopf, aber mit freiem Blick in den Himmel und einem guten Gefühl füreinander. Beide arbeiten regelmäßig. Sie tauschen temporäre Nähe und Zuwendung gegen Geld, ohne Steuerkarte und Bindung an den Wohlfahrtsstaat.

Manu pflegt eine alte Frau, die allein lebt, in ihrer Wohnung. Sie hält ihre Hand, wäscht ihren Körper und bringt sie ins Bett. Ihre Hilfe ist professionell und freundlich. Abends kehrt sie in ihr Lager im Wald zurück. Jakob nimmt Kontakt zu einem potenziellen »Kunden« auf, indem er sich dem Segelflieger mitten auf der Wiese in die Flugbahn stellt. Er weiß, dass der Mann sein Kind verloren hat, und bietet sich ihm und seiner Frau unaufdringlich als Bezugsperson an – ohne dass seine neuen Bekannten etwas von dieser einseitig als Dienstleistung definierten Arbeit ahnen. Das Ehepaar lässt den Fremden widerstrebend in sein Leben, das im Schmerz stillsteht. Die sich langsam anbahnende familiäre Beziehung zwischen den dreien führt zur Schieflage in der Balance zwischen Manu und Jakob. Während die junge Frau das nächste »Projekt« im Blick hat und weiterziehen will, nistet sich Jakob im Haus des Ehepaares ein und lässt seine Partnerin außen vor.

Landläufig genießt der Parasit keinen guten Ruf, weder im Menschen- noch im Tierreich. Wer es sich auf Kosten anderer gut gehen lässt und keinen eigenen Beitrag leistet, gilt als Schmarotzer. Manu und Jakob suchen die Schwachstelle im Leben der anderen und verdienen mit deren Kompensation ihren bescheidenen Unterhalt. Das mag in Form einer ökonomisch motivierten Strategie wenig selbstlos erscheinen, aber nicht jeder kann es sich leisten, ehrenamtlich und unbezahlt zu arbeiten. »Idealisten in eigener Sache« nennen die Regisseure und Drehbuchautoren Christian Becker und Oliver Schwabe, der auch für die Kamera verantwortlich ist, ihre Protagonisten, die ohne Verankerung im Hier und Jetzt treiben. Ebenso zwanglos und ohne Genrefesseln verläuft auch die Handlung; mangels zusätzlicher Informationen über das junge Paar changiert sie unberechenbar zwischen Sozialdrama und Thriller. Unter der Oberfläche scheint eine latente Bedrohung zu lauern. Durch die narrativen Auslassungen öffnen sich wiederum Leerstellen, die mit den eigenen beunruhigenden Fantasien gefüllt werden.

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