Kritik zu Wolfskinder

© Port au Prince Pictures

Leben und sterben zwischen Weichsel und Memel: ein strenges Drama über einen selten thematisierten Aspekt des Zweiten Weltkriegs

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3 (Stimmen: 5)

»Nach Osten«, lautet die Anweisung der Mutter an ihre Söhne; halb ist es ihr letzter Wille, halb energischer Befehl. Die Frau (Jördis Triebel) ahnt bereits, was nach ihrem Tod auf die beiden Halbwüchsigen zukommen wird – da draußen, in den Wäldern Ostpreußens. Und sie sieht nur eine Chance, wie Hans (Levin Liam) und Fritzchen (Patrick Lorenczat) die Nachkriegswirren lebendig überstehen können: indem sie sich nach Litauen durchschlagen, zu einem Bauern, der ihnen vielleicht ein neues Zuhause geben wird.

Es ist das Jahr 1946, und der 14-jährige Hans und sein etwa halb so alter Bruder sind zwei von rund 25 000 Kindern, die zwischen Weichsel und Memel durch die Wildnis irren – Kriegswaisen, die Tag für Tag ums blanke Überleben kämpfen und dabei zu »Wolfskindern« mutieren. Dass die Brüder für diese Existenz bestens vorbereitet sind, erzählt die erste Szene des Films. Da klauen Hans und Fritzchen am helllichten Tag russischen Soldaten ein Pferd, um es kurz darauf kaltblütig zu erschießen und auszuweiden. Schon da herrscht das Gesetz des Hungers, das keinen Raum lässt für Skrupel oder Moral. Wenn die beiden am nächsten Tag zu ihrer Odyssee aufbrechen (und sehr schnell voneinander getrennt werden), schildert der Film fortan im Grunde nur Variationen dieses Überlebenskampfes. Die Kinder, geschunden, dreckverschmiert und ausgemergelt, müssen den Kugeln der Soldaten ausweichen, immer wieder Reißaus nehmen, sich Nahrung beschaffen und irgendwie die Reise fortsetzen. Die meisten von ihnen kommen nirgendwo an.

Rick Ostermann, bislang Assistent bei Lars Kraume und Matthias Glasner, hat sich für sein Regiedebüt einen wenig bekannten – und wahrhaft deprimierenden – Aspekt des Zweiten Weltkriegs ausgesucht. Das erschütternde Schicksal seiner jungen Protagonisten inszeniert er als harte, unmittelbare physische Erfahrung, in der es ganz konkret um die Bedingungen dieser Existenz geht: beinah abstraktes Kino, das auf jegliche politische und historische Hintergründe verzichtet und keinerlei Urteile fällt, sondern einfach ganz nah am Erleben dieser Kinder bleibt, um ihre Ausnahmesituation begreiflich zu machen. Das gelingt dem Film, nicht zuletzt wegen der spektakulären Bilder von Kamerafrau Leah Striker, auf perfekte, stets beklemmende Weise.

Den Kindern kommt der Film dabei einerseits unglaublich nah, andererseits wahrt er aber doch Distanz. Kaum ein Wort verlieren die Mitglieder der von ständiger Fluktuation betroffenen Gruppe; es gibt nichts zu reden unter diesen Umständen, die Tatsachen sprechen für sich. Seine schwächeren Momente hat »Wolfskinder« denn auch immer dann, wenn Bauern oder Soldaten auftauchen und sich kryptische Dialoge entwickeln, die hölzern und manchmal unglaubwürdig wirken. Am stärksten ist der Film, wenn er sich auf seine rigorose Reduziertheit beschränkt und so etwas wie Allgemeingültigkeit für sich reklamiert: Diese Kinder sind die unschuldigen Opfer egal welcher Zeit, die Kollateralschäden egal welchen Kriegs.

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