Kritik zu Verräter wie wir

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Susanna White hat John le Carrés Roman aus dem Jahr 2010 verfilmt: Stellan Skarsgård spielt einen russischen Mafioso, der die Zufallsbekanntschaft mit einem britischen Poetikprofessor (Ewan McGregor) für sich nutzen will

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Gerade eben war das Leben noch ganz normal verkorkst. Die Frau lässt einen spüren, dass sie nicht daran denkt, den begangenen Seitensprung in naher Zukunft zu vergessen, geschweige denn zu vergeben. Das Restaurant verlangt Mondpreise für eine Flasche Wein. Die Frage stellt sich, ob diese romantisch gemeinte Reise nach Marrakesch nicht doch eine Schnapsidee war. Zu allem Überfluss klingelt auch noch das Smartphone, die erfolgreiche Juristin muss zu einer Telefonkonferenz, und der Poetikprofessor bleibt allein zurück. Aber dann ist da dieser Russe, groß und raumgreifend und laut, feierwütig und keinen Widerspruch duldend. Er lädt ein zu einer Party, zum Tennis, zum Geburtstagsfest seiner Tochter, und mit einem Mal ist das Leben unseres eher unauffälligen, etwas naiven Professors sowie das seiner taffen Frau auf den Kopf gestellt.

Marrakesch und ein Zivilistenehepaar, dessen Leben von Kriminellen, Agenten und kriminellen Agenten durcheinandergebracht wird. Das klingt nach Alfred Hitchcocks »Der Mann, der zuviel wusste« aus dem Jahr 1956. »Verräter wie wir« ist aber kein Remake, sondern die Adaption des 2010 erschienenen gleichnamigen Romans von John le Carré. Und der ist ja kein geringerer Meister, wenn es um die spannungsreiche Schilderung von Verschwörungen und undurchsichtigen Machenschaften geht. Zumal le Carrés Romane mit dem Genrebegriff »Spionagethriller« nur unzureichend beschrieben sind, dienen ihm die Geschichten über Vertrauen und Verrat, wechselseitige Manipulation und kollidierende Interessen doch immer auch dazu, diese bis in die Tiefe ihrer moralischen Implikationen auszuloten. Dem Charakter der Akteure kommt hierbei große Bedeutung zu, und insofern ist das Reizvolle an »Verräter wie wir« denn auch weniger der Handlungsverlauf als das Verhalten der Figuren.

Wobei die Geschichte durchaus spannend ist und von Susanna White auch überaus elegant in Szene gesetzt wird: Dima nämlich, oben erwähnter Russe und Geldwäscher der russischen Mafia, sieht sich von einem Mordkomplott seines Paten bedroht und will zu den Briten überlaufen. Der Professor stellt den Kontakt zu einem Agenten des MI5 her, der sich interessiert zeigt; dann aber schießt ein korrupter Parlamentsabgeordneter quer, und die Zivilisten sehen sich mit der Frage konfrontiert, wie weit sie ­Dimas Weg mitgehen wollen.

Und das ist dann die moralische Frage, die vor allem Ewan McGregor als Professor Perry Makepeace und Damian Lewis als MI5-Agent Hector mit ihrem subtil die Gewissensnöte der Figuren erforschenden Spiel beantworten. Währenddessen hat der stattliche Stellan Skarsgård offensichtlich Vergnügen daran, das ein oder andere Russenklischee in die Gestaltung seines ehrenvoll um seine Familie kämpfenden Mafioso einfließen zu lassen. Naomie Harris und Saskia Reeves in den Rollen der Ehefrauen wiederum sorgen mit prägnanten schauspielerischen Vignetten für emotionale Verankerung und liefern ihren in gefährlichen Gewässern watenden Männern gute Gründe dafür, nicht aufzugeben.

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