Kritik zu Tulpenfieber

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Das Liebesdrama nach einem Bestseller von Deborah Moggach entführt in Amsterdams Goldenes Zeitalter im 17. Jahrhundert und bringt die Blütezeit der Malerei mit einer frühkapitalistischen Spekulationsblase, der Tulpenmanie, auf einen Nenner

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Als Autorin Deborah Moggach gefragt wurde, welches Drehbuch sie gerne schreiben würde, sagte sie: »Ich würde in einen Vermeer hineingehen.« Die in die Tiefe des virtuellen Raumes lockenden Innenansichten in den Gemälden der niederländischen Meister haben etwas sehr Filmisches. Wie durchs Schlüsselloch, wie in einem dunklen Kinosaal auf eine Leinwand, beobachtet man Menschen bei alltäglichen Verrichtungen: eine Projektionsfläche für die Fantasie.

Obwohl auch Moggach in ihrem Roman das Verhältnis zwischen Modell und Maler – Jan Van Loos, eine historische Figur – ins Zentrum stellt, ist die Verfilmung, deren Drehbuch allerdings von Tom Stoppard (»Shakespeare in Love«) stammt, kein zweites »Mädchen mit dem Perlenohrring«. Wo Webbers Drama sich auf die sublimierte erotische Verheißung fokussierte, wirft Regisseur Justin Chadwick einen enzyklopädischen Panoramablick auf die quirlige Handelsmetropole Amsterdam. Dem Thema des Goldenen Zeitalters angemessen sieht sein prächtig ausgestattetes »period piece« oft aus wie aus Gemälden herauskopiert, schwelgt in exquisiten Interieurs in gedimmtem Licht und opulenten Straßenszenen. Überdies prunkt die Inszenierung mit namhaften Darstellern bis in die Nebenrollen. Sogar Komiker Zach Galifianakis ist dabei und gibt wie stets den Unglücksraben.

Die Fabel dreht sich um die junge ­Sophia, direkt aus dem klösterlichen Waisenhaus eingekauft von Gewürzhändler Cornelis, der dringlich auf einen Erben hofft, und um den jungen Maler, der sich in Sophia verliebt; und um Sophias Magd Maria, die den Fischhändler Willem liebt. Die sich unerwartet haarsträubend entwickelnden, kolportagehaften Liebesgeschichten sind eher dem Genre der schauerromantischen »Gothic Fiction« zugehörig; Alicia Vikander wirkt als ätherische Schöne leider so roboterhaft wie in »Ex Machina«. Spannender ist das zweite Objekt der Begierde, eine seltene Tulpenzwiebel, die alle finanziellen Nöte der Liebenden beseitigen soll. Der Handel mit exotischen Tulpen, die sich zum bürgerlichen Statussymbol entwickelten, führte zu einer Spekulationsblase, bei der Tulpenzwiebeln zeitweise so viel wert waren wie das zehnfache Jahreseinkommen eines Handwerkers. In Wirtshausbörsen wird um Optionen und Zertifikate gezockt, verschulden sich brave kleine Leute auf ­Lebenszeit, um in den Boom zu investieren.

Mit dieser Veranschaulichung einer exzentrischen Fußnote des frühkapitalistischen »Sturm und Drang« soll dem Zuschauer spürbar etwas beigebracht werden. Doch die pädagogische Botschaft hat einen amüsierten und versöhnlichen Unterton. Zwar lautet die Moral von der Geschicht’, dass Geld und Liebe nicht gut zusammenpassen. Doch das letzte Wort hat wieder mal Judi Dench. Als Äbtissin, die mit den im Klostergarten gezüchteten Tulpenzwiebeln am Boom teilhat, gelingt es ihr, irdische und himmlische Buchhaltung zusammenzuführen. Und ist die Geldmacherei um Tulpen, deren himmlische Schönheit durch ein Virus zustande kommt, nicht auch ein göttlicher Witz?

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