Kritik zu Tanna – Eine verbotene Liebe

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Romeo und Julia auf dem Vulkan: Die australischen Dokumentarfilmer Martin Butler und Bentley Dean haben mit regionalen Laiendarstellern des pazifischen Inselstaats Vanatu ein Drama entwickelt und vor Ort inszeniert

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Was für ein Bild! Das junge Paar, das eine verbotene Liebe gegen Tradition und Politik verteidigen muss, umarmt sich hoch oben auf dem von dunkelgrauer Asche übersäten Vulkan, während hinter ihnen im Nachthimmel dunkelrote Funken durch die Luft prasseln. Die Szene erinnert daran, wie Alfred Hitchcock einst ein Feuerwerk zur Liebesexplosion für Cary Grant und Grace Kelly stilisierte, doch hier kommen die Special Effects nicht aus der Kinotrickkiste, sondern aus der Natur. Zugleich ist das Bild eine schöne Metapher für einen Film, der aus einer besonderen Verbindung von Dokumentation und Fiktion entstanden ist.

So etwas wie eine Liebesheirat ist auf der Insel Tanna unbekannt. Doch Wawa und Dain sind eine Art Romeo und Julia. Immer wieder stehlen sie sich davon, um sich heimlich im leuchtend grünen Blattwerk des Dschungels zu treffen, während die Frauen am Fluss schon die Hochzeitsvorbereitungen treffen. Die Liebe zwischen der jungen Frau und dem stattlichen Krieger ist so stark, dass sie beschließen, sich den Traditionen zu widersetzen. Dann verschärft sich ihre Lage noch weiter, als Wawa als Instrument des Friedens dem Häuptlingssohn eines verfeindeten Stammes versprochen wird.

Nach mehreren Dokumentationen haben Bentley Dean und Martin Butler mit »Tanna – Eine verbotene Liebe«, der als australischer Beitrag für die Oscars nominiert wurde, die Schrauben ein gutes Stück in Richtung Spielfilm gedreht. Nach einer Serie über die Geschichte der australischen Aborigines hatte Bentley den Wunsch, eine Weile völlig in eine fremde Kultur einzutauchen. Auf der nordpazifischen Insel Tanna im Archipel Vanuatu fand er, was er suchte: einen Stamm, der nahezu unberührt von fremden Einflüssen nach alten Riten und Regeln lebt, ohne Elektrizität und in Kleidern, die aus Materialien gefertigt sind, die sie im Wald finden. Bereits geübt darin, das Vertrauen von Naturvölkern zu gewinnen, wollte er dieses Mal etwas weitergehen und mit Menschen, die noch nie einen Film gesehen hatten, eine ihrer eigenen Geschichten verfilmen. Als Modell zeigte er ihnen auf dem Laptop »Ten Canoes« von Rolf de Heer, in dem Fiktion und Dokumentation, Mythen und Natur in ähnliche Weise miteinander verstrickt sind.

So wurden die Stammesmitglieder zu Laiendarstellern, ihre traditionellen Baströcke, ihr zeremonieller Kopfschmuck aus Farnblättern und Federn zu Kostümen und die spektakulären Landschaften mit leuchtend grünen Regenwäldern, schwarzen und weißen Sandstränden und einem funkensprühenden Vulkan zur dramatischen Kulisse für ein Schauspiel, das Antony Partos mit sphärisch naturnahen Klängen und dem sehnsuchtsvollen Gesang von Lisa Gerrard sanft zuspitzt. Die Geschichte wurde in Workshops entwickelt und die Dialoge beim Dreh improvisiert, Berater aus dem Stamm gewährleisteten die Authentizität der gezeigten Rituale und Zusammenkünfte. Die Grenzen zwischen großer Oper und wahrem Leben verlaufen fließend in einem Film, der zugleich ethnologische Dokumentation und großes Liebesdrama ist.

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