Kritik zu Stromaufwärts

© Peripher Filmverleih

2016
Original-Titel: 
En amont du fleuve
Filmstart in Deutschland: 
28.09.2017
L: 
90 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Zwei Halbbrüder lernen sich im fortgeschrittenen Alter nach dem Tod des Vaters auf einer gemeinsamen Bootstour erstmals kennen

Bewertung: 4
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Sie kennen einander eigentlich gar nicht. Obwohl sie Halbbrüder sind, Söhne verschiedener Mütter, Männer um die Fünfzig. Als der gemeinsame Vater stirbt – dem der eine, Homer (Olivier Gourmet), nie begegnet ist, und zu dem der andere, Joé (Sergi López), seit 15 Jahren keinen Kontakt mehr hatte –, treffen sie einander erstmals. In einem kroatischen Küstenort beginnt ihre Reise. Sie mieten ein Boot, wollen zu irgendwelchen Wasserfällen stromaufwärts, eine Woche soll es dauern. Ungeduldig erwartet Homer die Abfahrt, er raucht und trinkt ein Bier in einer Bar, während Joé sich am Flussufer mit spielenden Kindern unterhält und am Ende einen jungen Hund mit aufs Boot bringt, ein Spontangeschenk, eher zufällig angenommen. Nun sind sie eben zu dritt in der Sommerhitze unterwegs, dem Strom des Flusses entgegen – und auch einander Widerstände entgegensetzend.

Marion Hänsel hat keine Eile, zu Beginn von »Stromaufwärts« die Verhältnisse zwischen den Figuren offenzulegen, den Ort bekanntzugeben, den Grund des Aufenthalts, den weiteren Plan. Anders als üblich gibt es keine raschen, knappen Erklärungen, die als erste Orientierung im filmischen Geschehen fungieren könnten. Damit haben die Handelnden gegenüber dem Publikum einen Wissensvorsprung – allerdings keinen sonderlich großen, wie sich dann herausstellt. Der Einstieg in Hänsels intimes Drama vor spektakulärer Kulisse ist eine erfreuliche Abwechslung zum dramaturgischen Einerlei konventioneller Filmanfänge. Es gibt eine Mischung aus Unwissenheit, Misstrauen und Neugier, die Homers und Joés gegenseitige Wahrnehmung bestimmt. In ähnlicher Weise sieht sich der Zuschauer gefordert, Äußerungen zu deuten, Zeichen zu lesen, Signale zu interpretieren. Während sich die Figuren aneinander herantasten, nähert sich auch der Zuschauer allmählich dem Geschehen.

Es ist eine von Beginn an löchrige Narration, die löchrig bleiben wird, und die gleichermaßen bestimmt wird von Ausgesprochenem wie von Ungesagtem. Denn so unterschiedlich Homer und Joé auch sein mögen, sie ähneln einander in ihrer Zurückhaltung; beide sind vom Vater verwundete Männer; beide reden nicht viel. Und wenn am Ende ein Anfang gemacht ist – der nicht zuletzt dem jungen Hund zu verdanken ist –, bleibt vieles im Dunklen und – vorläufig? – ungeklärt.

Hänsel kann sich das Vertrauen leisten, das sie dramaturgisch in Auslassung und Verdichtung setzt, hat sie mit Olivier Gourmet und Sergi López doch zwei wunderbare Schauspieler, die in ihren Rollen auch ohne viele Worte großen Bedeutungsreichtum entfalten und das Herz des Films bilden. »Stromaufwärts« wird von Gefühl und Charakter dieser beiden authentisch gezeichneten Männer bestimmt – nicht durch die vom toten Tyrannen ausgelöste Handlung. Sie entfaltet in der Mitte eine seltsam und fremd wirkende Dramatik und verpufft folgerichtig: Denn nun gilt das Gesetz der Söhne, es ist wesentlich sanfter, und Gott-Vater ist tot.

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