Kritik zu Seelenvögel

© Piffl Medien

2009
Original-Titel: 
Seelenvögel
Filmstart in Deutschland: 
05.11.2009
L: 
90 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Der Dokumentarist Thomas Riedelsheimer, bekannt vor allem durch seine Künstlerporträts (»Rivers and Tides«, »Touch the Sound«), spricht in seinem neuen Film vom Sterben. »Seelenvögel« begleitet drei krebskranke Kinder und ihre Familien

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»Seelenvögel«, so nennt der Junge aus dem Kindergarten die Wesen, die er auf den weißen Sarg des sechsjährigen Leonhard malt. Lenni, mit dem Down-Syndrom auf die Welt gekommen, ist an Leukämie gestorben. Er wurde in derselben Klinik behandelt, mit deren Hilfe auch der zehn Jahre alte Richard und die 15-jährige Pauline gegen ihre Krankheit kämpfen. Pauline hat erfahren, dass nach zunächst erfolgreicher Knochenmarktransplantation wieder Krebszellen in ihrem Körper entstanden sind. Richard lebt nach der Transplantation vorübergehend in einem sterilen Raum. Auch Pauline verliert den Kampf gegen den Krebs. Richards Therapie ist erfolgreich.

Welche Überlebensstrategien lassen die Verzweiflung wenigstens für einen Augenblick in den Hintergrund treten? Wie nähert man sich als Filmemacher diesem komplexen Geflecht aus Angst, Hilflosigkeit und Hoffnung? Über drei Jahre hat Thomas Riedelsheimer die Kinder und ihre Angehörigen begleitet und mit seiner Kamera beobachtet. Und er hat sich entschieden, keinen Film über die Krankheit selbst und deren Verlauf bei den drei jungen Menschen zu drehen, sondern darüber, wie sie und ihr Umfeld damit umgehen. Pauline, die offenbar um die Aussichtslosigkeit ihres Kampfes weiß, versucht, ihre Gefühle in Gedichte zu fassen. Ihre Mutter leitet sie zu Rollenspielen an, in denen sich ihre Situation spiegelt. Für ihre Schwester ist Paulines Krankheit schon Alltag geworden. Der kleine Lenni kann seine Situation selbst nicht begreifen, ebensowenig seine Schwester. Auch Lennis Eltern sind bemüht, die Ausnahmesituation in ihren Lebensalltag zu integrieren. Die Mutter ist hochschwanger, und das kranke Kind wird die Geburt seines Bruders noch erleben. Richard, ein offenbar hochbegabter Junge, kann den Stand seiner Krankheit in medizinischem Vokabular erfassen und zeigt neben Momenten der Verzweiflung auch eine erstaunliche intellektuelle Distanz zu seiner Situation. Durchweg begegnen alle, die zu Wort kommen, der Krankheit auf einem hohen Reflexionsniveau.

Es sind diese Ambivalenzen, die das eigentlich Unerträgliche für den Zuschauer erträglich machen. Riedelsheimer versucht, vielleicht unbewusst, das Unbegreifliche in einen Rhythmus von Werden und Vergehen, von Geburt und Tod einzubetten. Bilder von Seerosen, die blühen und verblühen, von sommerlich grünen und herbstlichen Bäumen deuten diesen Wechsel an. Doch diese Ambivalenzen machen auch die Problematik von Riedelsheimers Vorgehensweise aus. »Seelenvögel« wirkt auf eine merkwürdige Weise austariert. Der Film versucht eine Balance zu halten zwischen Schmerz und Trost, nicht zufällig endet er mit Bildern von Richard, der – mit vollem Lockenschopf – für seine Fußballmannschaft ein Tor schießt. Das Skandalon des Kindstodes, das sich jeder Sinnstiftung entzieht, verliert sich in so viel Aus- gewogenheit. Nur einmal bricht so etwas wie Zorn oder ungefilterte Verzweiflung durch: Während Paulines Mutter den Tod der Tochter spirituell zu verarbeiten sucht, Pauline in jeder Minute um sich weiß, stellt der Vater fest: »Jetzt rette ich mich da rüber in so Erklärungen, dass es vielleicht doch noch geht. Aber es ist trotzdem Scheiße alles.«

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