Kritik zu Schönheit

© Farbfilm

2011
Original-Titel: 
Schönheit
Filmstart in Deutschland: 
04.10.2012
L: 
81 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Der operative Eingriff als Erweiterung der Konsumzone: Carolin Schmitz (Portraits deutscher Alkoholiker) geht in ihrem neuen Film den Erfahrungen mit »ästhetischer Chirurgie« und individuellen Vorstellungen von Schönheit nach

Bewertung: 3
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Eine halbe Million Menschen haben sich 2011 einer Schönheitsoperation unterzogen, meldete jüngst ein Online-Nachrichtenmagazin. Einer der ersten Leserkommentare bestritt die Zahl mit dem schlagenden Argument: »Dann müsste ich doch einen davon kennen!« Eines der ersten Dinge, die man beim Betrachten von Carolin Schmitz’ Dokumentarfilm begreift, ist, dass man wahrscheinlich tatsächlich bereits jemanden kennt, der »es« getan hat, allerdings ohne es zu merken. Denn eine weitere Erkenntnis ist: Man sieht es den meisten Menschen gar nicht an. Was nur einerseits ein beruhigender Gedanke ist.

Die Protagonisten, die Schmitz in ihrem Film vor die Kamera holt und sich selbst darstellen lässt, gehören in jedem Fall zur gänzlich unauffälligen Sorte. Die erfolgreiche Automobilkauffrau, die alleinstehende Bankangestellte, die netz-affine Mutter, die ehemals Übergewichtige und der Friedhofsgärtner – ihnen allen muss man erst eine Weile zuhören, bevor man mitkriegt, welches »ästhetische « Problem sie mit ihren Körpern haben oder gehabt haben. Wobei schon dieses Reden interessante Aufschlüsse bietet, weil von geplanten oder bereits getätigten operativen Eingriffen wie von Friseurterminen oder Werkstattarbeiten gesprochen wird. Nicht Leidensdruck oder soziale Ausgrenzungserfahrungen werden thematisiert, sondern nur die Pragmatik des Möglichen. Man hat machen lassen. Man möchte da noch nachbessern. Oder auch, wie einer der Protagonisten anhand einer Korrektur am Oberlid erläutert, die ihm angeblich wieder jugendliche Frische verleiht: Man ist sich das selbst schuldig.

Mit dieser Nüchternheit hebt sich Schönheit deutlich von den Fernsehbeiträgen ab, die in regelmäßiger Folge ihre Zuschauer durch das immer gleiche kathartische Schema treiben: Zuerst wird zum Mitleiden mit den Figuren eingeladen, dann wird durch explizite Bilder von den Operationstischen schockiert, bis am Ende moderne Arzt- und Medienarbeit in sich selbst gratulierender Form gemeinsam triumphieren. Operationsbilder gibt es bei Schmitz nur wenige, sie verzichtet auch ganz auf die übliche Vorher-nachher- Dramaturgie, wie überhaupt auf jedes Erzählen oder Kommentieren. Stattdessen konzentriert sie sich auf ihre Protagonisten und deren Haltung. Für den Zuschauer hat das zunächst die irritierende Folge, dass hier einmal nicht seine Sympathie mit den Figuren, sondern seine Beobachtungsgabe gefordert ist. Das bedeutet allerdings nicht, dass man ganz frei wäre in den Erkenntnissen, die man so gewinnt. Schon die Auswahl der Protagonisten zielt auf einen Rahmen, die das Filmen in den sorgfältig eingerichteten Wohnungen noch unterstreicht: Die Schönheitsoperation wird hier als Erweiterung der Konsumzone angesehen, ein weiteres schickes Accessoire, das man sich leistet, um das Wohlbefinden zu steigern. Zu kurz kommt dabei die eigentlich recht abgründige Erkenntnis, die sich daraus ergibt, dass die vorgestellten Kandidaten trotz Schönheitsoperation so unauffällig bleiben. Zu wahrer Schönheit kann eben kein Eingriff verhelfen. Die Galerie der postoperativen Brustbilder, die eine erklärte Anhängerin des Implantatverfahrens vorstellt, zeigt jedenfalls mit erschreckender Klarheit, dass selbst die gelungenste Busen-OP den Bauch darunter nun mal völlig unberührt lässt.

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