Kritik zu Schnee von gestern

Trailer hebräisch © Film Kino Text

2013
Original-Titel: 
Farewell, Herr Schwarz
Filmstart in Deutschland: 
10.04.2014
L: 
96 Min
FSK: 
Ohne Angabe

uf der Suche nach einem verschollenen Großonkel bricht die junge Israelin Yael Reuveny ein Tabu und entdeckt den deutschen Teil ihrer Familie

Bewertung: 4
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Yael Reuveny entstammt einer Familie in Tel Aviv, die in dritter Generation mit der Verzweiflung kämpft, die der Holocaust in Überlebenden angerichtet hat. Ihr Zusammenhalt ist eng, die Begabung zum offenen Gespräch außergewöhnlich und unverstellt, vor allem in den Begegnungen zwischen Yael und ihrer Mutter. Die verstorbene Großmutter muss anders gewesen sein: wortkarg, hart, rigide in ihrer Religiosität.

Eine einzige Fotografie existiert aus der Jugend der Großmutter in Wilna, heute Vilnius. Es ist ein Familienporträt mit vielen Unbekannten, in dem sie ihrem jüngeren Bruder schützend und besitzergreifend die Arme um die Schultern legt. Das Bild und die mythische Anekdote, die sich darum rankt, motivieren Yael Reuveny, die Spuren der ersten Generation der Holocaustopfer ihrer Familie zu recherchieren.

Kaum der deutschen Sprache mächtig, zieht die junge Frau gegen den Wunsch der Eltern nach Deutschland. Von Berlin aus erkundet sie die Orte, an denen Feiv’ke, der Bruder der Großmutter, nach dem Krieg sein Leben einrichtete. Der junge Mann war nach der Deportation seiner Familie ins KZ Buchenwald gekommen und 1944 als Zwangsarbeiter in das Außenlager Schlieben-Berga in Brandenburg verschleppt worden. Feiv’ke arbeitete wie über 2000 andere unter brutalen Bedingungen in der dortigen Rüstungsfabrik.

Nach der Befreiung durch die Rote Armee hätte Feiv’ke die überlebende Schwester am Bahnhof in Łodz zur Ausreise nach Palästina treffen können. Doch er entschied sich, in Schlieben-Berga zu bleiben und mit einer Deutschen unter dem Namen Peter Schwarz eine Familie zu gründen – fortan der Grund für ein Tabu in der Familie seiner Schwester in Tel Aviv. Der Schnee von gestern wird in Yael Reuvenys Film noch einmal gründlich aufgewirbelt.

Die autobiografische Zeitreise gliedert sich in drei Kapitel, in denen der Umgang der Alten mit dem Trauma, seine Nachwirkung auf Yaels Eltern und die neue Suche der Enkelgeneration im Mittelpunkt stehen. In langen Einstellungen in der Totalen pendelt der Film zwischen den Episoden überraschender Begegnungen in Deutschland und den reflektierenden Gesprächen Yaels mit der Mutter am Grab der Großmutter. Zu viele kalenderhübsche Berlinpanoramen retardieren den Fortgang leider unnötig, aber Yaels Ortsbegehungen in Schlieben (wo sich Feiv’ke/Peter just in den einstigen Häftlingsbaracken eine spießige DDR-Idylle ausbaute) und ihre tastenden Gespräche mit seinen biederen Nachbarn vermitteln die Spannung einer angstbesetzten Entdeckungsreise. In schlechtem Englisch, oft Hilfe bei der Übersetzerin hinter der Kamera suchend, lässt sich die junge Frau auf das Interesse von Feiv’kes/Peters Kindern an der verdrängten Familie in Tel Aviv ein, ein Großcousin schließlich nimmt seine Wurzeln so wörtlich, dass er in Jerusalem die jüdische Religion studiert.

Was Yaels Mutter nie für möglich hielt, aber dann sogar durch eine Deutschlandreise beglaubigt: Die israelische Familie akzeptiert die Suche der Nachgeborenen nach gemeinsamen Wurzeln.

Meinung zum Thema

Kommentare

Die Familiengeschichte der jüdisch- deutschen Familie hat mich sehr berührt. Eine interessante und bewegende Darstellung der Familiengeschichte. Toll das es Menschen gibt wie die junge Frau Yael.

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