Kritik zu The Poetess

© Brockhaus/Wolff

Die Filmemacher Stefanie Brockhaus und Andreas Wolff porträtieren die saudische Dichterin und Menschenrechtlerin Hissa Hilal, die unter anderem mit einem Auftritt in einer Casting-Show von Abu Dhabi TV von sich reden machte

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Das Ereignis ging 2010 durch die Weltmedien. Und mit deren aufgeregten Stimmen beginnt auch dieser Film. Eigentlich sind es gleich drei heiße Stories auf einmal: Dass eine verschleierte saudische Frau in die Endrunde der in der Golfregion extrem populären Fernsehshow »Million’s Poet« von Abu Dhabi TV gekommen ist. Dass sie dort Verse vorgetragen hat, die schwer am patriarchalen und religiösen Selbstverständnis des konservativen Islam rütteln. Und dass ihr das »Fatwas« genannte schärfste dieser Gedichte bis heute – neben begeisterter Unterstützung – selbst Todesdrohungen einbringt.

»Million’s Poet« ist ein von der Kulturbehörde des Emirats gesponsertes »Superstar«-Format mit einer aus drei Männern besetzten Jury und Publikumsabstimmung, bei dem es um Lyrik unterschiedlicher regionaler Tradition geht (wobei wir leider keine Gelegenheit bekommen, uns von den Gedichten der anderen Kandidaten ein Bild zum machen). Die Frau ist Hissa »Remia« Hilal, eine saudische Dichterin und Journalistin mit großem Selbstbewusstsein. Doch das saudische Gesetz und die beduinische Herkunft setzen ihr strenge Regeln bei Auftritt und Anreise vor. Doch, auch weil Poesie in der Familie Tradition hat, unterstützen Hissas Ehemann und ihre Brüder die vierfache Mutter nach einigen Diskussionen bei ihrem Auftritt.

Auch die Filmemacher Stefanie Brockhaus und Andreas Wolff sind durch die mediale Berichterstattung auf Hissa Hilals Geschichte aufmerksam geworden und haben dann ihre Bekanntschaft gesucht und gefunden. Sie ist jetzt eine reiche Frau. Doch die Notwendigkeit, sich vor den Anfeindungen zu schützen, hat den Druck zur Unsichtbarkeit noch wachsen lassen, so dass auch im Film nur ihre Augen zu sehen sind.

Verbal ist die Freiheit ungleich größer. In der langen oralen Tradition der Beduinen war die volkstümliche Nabati-Dichtung auch ein Medium, um soziale und familiäre Angelegenheiten zu äußern, zu verhandeln und weiterzugeben. Hissa tut genau das in ihren Versen. Und sie erzählt im Interview frei aus der eigenen Geschichte und der ihres Landes, das sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch veränderte – erst durch den Ölboom und dann durch den fundamentalistischen Islam.

Die Frauen der Stammesgesellschaft vor einem halben Jahrhundert waren noch selbstbewusst und stark, erzählt sie, ihr Großvater ein stolzer Kamelzüchter. Dass er die Herde verkaufen musste und in die Stadt ziehen, war ein mit vielen Saudis geteiltes traumatisches Erlebnis. Ein anderes war laut Hissa die Besetzung der Großen Moschee in Mekka 1979 als Urform des islamistischen Terrors und Anlass für die religiösen Verschärfungen im saudischen Staat, die sie als eine Verschwörung der Macht mit den Islamisten sieht. Das gibt uns Stoff zum Nacharbeiten. Bleibt zu hoffen, dass die gerade stattfindende leichte Öffnung der saudi-arabischen Gesellschaft auch durch den Kampf von Frauen wie Hissa Hilal weitergeht.
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