Kritik zu Parkour

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Eine Sportart wird zur Metapher: Marc Rensing lässt in seinem Film die Helden Mauern, Häuser, Straßenschluchten erfolgreich überwinden, aber über Missgunst, Versagensängsten und Kontrollverlust ins Straucheln geraten

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Parkour ist ein urbaner Sport, der unbeeindruckt von Hindernissen, die aus Stadtplanung resultieren, den kürzesten Weg sucht. Gerüstbauer Richie (Christoph Letkowski) demonstriert zu Beginn des Films von Marc Rensing (Regie und Buch), was man sich unter »Parkour« vorzustellen hat: Statt durch die Tür verlässt er die Wohnung über den Balkon, um sich tarzangleich an Beton auf die Straße hinabzuschwingen, Treppen werden absatzweise genommen, Mauern erklommen, Züge überquert. Das Motiv ist nicht ohne Reiz: eine hippe, zugleich aber medial noch nicht verwurstete Jugendkulturdisziplin, die Grund zum Vorzeigen durchtrainierter Jungmännerkörper von Richie und seinen Freunden Nonne (Marlon Kittel) und Paule (Constantin von Jascheroff) sowie verblüffende Ansichten auf das an sich trostlose Mannheim liefert. Woran »Parkour« aber relativ bald hängenbleibt, ist die Integration der dynamischen Fortbewegung ins Gerüst seiner Erzählung. Das wird nicht nur offenbar, wenn Richie wiederholt vor Autoritäten wie S-Bahn-Kontrolleuren und Polizei flieht, was ob seiner Fähigkeiten ungleiche Verfolgungsjagden ergibt und, wenn auch recht genau inszeniert, beim dritten Mal langweilig und redundant daherkommt.

Es zeigt sich vor allem in der Eifersuchtsgeschichte, die Rensings Film erzählt. Richie ist mit der Abiturientin Hannah (Nora von Waldstätten) liiert, die auf seinen Rat Mathenachhilfe bei Freund Nonne nimmt. Angetrieben von Arbeitskollege Janko (Georg Friedrich) und gepeinigt von der Aussicht, dass Hannah zum Studium die Stadt verlassen könnte, steigert sich Richie in einen Wahn. Clou und Krux von »Parkour« bestehen darin, dass Rensing Richies Paranoia erst am Ende als klinische Psychose enttarnt. Das mag im Nachhinein zwar manches erklärbar machen, tröstet aber nicht darüber hinweg, dass der Film bis zur finalen Diagnose eher Indizien addiert als eine Geschichte erzählt.

So staunt der Betrachter wiederholt über Resultate von Richies Einbildung wie den unbegründet aus pornografischen Bildern abgeleiteten Dreier von Hannah, Nonne und Paule, wo ihm Motive, die diese Einbildung hervorrufen, hilfreicher wären. Ausgerechnet mit Psychologie, auf die schließlich doch alles hinausläuft, tut der Film sich schwer: »Parkour« verweigert das Verständnis von Richie, indem er nicht mehr von ihm preisgibt als seine Wahnvorstellungen. Weil er aber den Protagonisten zugleich nicht zum Auge des Zuschauers macht, durch das dieser auf die filmische Realität schaut, blickt man unbeteiligt von außen auf etwas, das nur als Wahrnehmung einer Innenwelt Sinn ergeben würde.

Zudem wirkt die Psychose als Erklärung vorgeschoben und damit lieblos. Dabei würde ein ernsthafterer Zugang zu der Krankheit die Tür zu einem Universum an Geschichten öffnen, das deutsche Filme sich selten zu erzählen trauen. Entsprechend halbgar wirkt der offene Schluss, bei dem der nach der Therapie aufgeschwemmte und außer Form geratene Richie sich an einen waghalsigen Sprung übers Dach wagt. Wahrscheinlich wusste Rensing selbst nicht so recht, wohin mit seinem genesenen, aber beschädigten Protagonisten. Und entschied sich für die Abblende.

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