Kritik zu November

© Studiocanal

Cédric Jimenez dreht gern Thriller in amerikanischer Manier. Sein Film über die Anschläge vom 13. November 2015 in Paris folgt dem Muster: Nicht bei der Katastrophe verweilen, sondern die Vergeltung feiern

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Die Ermittlungsbehörden haben längst nicht den Überblick der Situation gewonnen, als der Präsident schon auf Sendung geht. François Hollande verkündet, wie die Nation auf die islamistischen Terroranschläge reagiert, die Paris am 13. November 2015 in sein ziviles Herz getroffen haben: voller Trauer, aber wehrhaft. Noch während seiner Fernsehansprache wird das Bataclan von der Polizei gestürmt. 

Ein, zwei Stunden zuvor waren die Büros der Pariser Antiterror-Einheit »Sdat« noch fast leer. Nur der Offizier vom Dienst war vor Ort, als sämtliche Telefone plötzlich klingelten. Nun jedoch wird schnell Ordnung in das Chaos der Meldungen gebracht, wird ein Fehlalarm als solcher erkannt und werden erste Fährten verfolgt. Während seine Vorgesetzte Éloise (Sandrine Kiberlain) im Krisenstab der Regierung verhandelt, schärft Fred (Jean Dujardin) der Brigade ein, dass jetzt kein Platz für private Emotionen ist. Auch ihm selbst wird es später schwerfallen, sich daran zu halten. Das Heft des Handelns hat die geheime Einheit jedoch mit unerbittlicher Professionalität an sich gerissen. 

Der Grundimpuls von Cédric Jimenez' Film ist die Dringlichkeit. Es ist letztlich auch seine Ideologie. »November« handelt von den fünf Tagen nach der Katastrophe. Für sie sucht er keine Bilder, das Entsetzen wird nur kurz, aber hinreichend eindrücklich in der Befragung einiger überlebender Opfer fassbar. Jimenez' Schaulust drängt darüber hinaus. Die Witterung der flüchtigen Terroristen muss unverzüglich aufgenommen, sie müssen unschädlich gemacht werden, denn ihre Drohung gegen die Zivilgesellschaft besteht fort. Der erste Verdächtige wird nach 20 Filmminuten in Brüssel ergriffen. Die Uhr der Vergeltung tickt unablässig weiter. Der Regisseur inszeniert das als Actionthriller nach amerikanischem Muster, ohne nennenswerte Distanz zum Sog der Ermittlung und deren waffenstarrender Bekräftigung. Aufarbeitung als Suspense: Das funktioniert kraft des Tempos und der erzählerischen Engführung auf die effiziente Einheit. 

Wie in seinem Polizeifilm »Bac Nord – Bollwerk gegen das Verbrechen«, der die Vorstädte als Terrain eines Bürgerkriegs begreift und deshalb in Frankreich mulmige Fürsprecher fand (darunter Marine Le Pen, die ihn eventuell gar nicht gesehen hat), stellt sich Jimenez auch hier unverbrüchlich auf die Seite der Gesetzeshüter. Dass sie in einer brisanten Situation ihre Aufgabe erfüllen, ist für ihn Moral genug. Jedoch lässt er sich diesmal ein paar Hintertüren der Ambiguität offen. Kurz bringt er die Perspektive eines Waffenhändlers ins Spiel, der meint, 50 Jahre gescheiterte Integrationspolitik seien eigentlich schuld an den Gräueltaten des IS. Nachdrücklicher sind die Zweifel der Ermittlerin Ines (Anais Demoustier), die einmal einen lässlichen Fehler begeht und dann ihrem Instinkt vertrauen kann. Sie spürt die entscheidende Zeugin (Lyna Khoudri) auf und empfindet für sie eine Verantwortung, die die französische Justiz zunächst nicht übernimmt. In Jiminez' vorangegangenen Genrefilmen überwog das Testosteron, nun weist die Heroisierung sachte Nuancen auf. 

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