Kritik zu Normal
Eigentlich hatte sich Hilfssheriff Ulysses eine Auszeit erhofft, doch die Kleinstadt in Ben Wheatleys Actionkracher entpuppt sich als Hort der Kriminalität
Normal ist in »Normal« eigentlich nichts. Das Waffenarsenal der Polizeistation nämlicher Kleinstadt in Minnesota im Mittleren Westen der USA kann sich mit dem einer Militärbasis messen. Der Fuhrpark lässt vom Räumpanzer bis zum Riesenschneepflug keine Wünsche offen. In der Eisenwarenhandlung kann der interessierte Handwerker Dynamit kaufen, das Restaurant ist mit Langwaffen sozusagen flächendeckend dekoriert, und die alte Lady, die den Handarbeitsladen führt, hört den Polizeifunk ab. Richtig ernst wird es allerdings, als die Bank der Stadt von zwei Habenichtsen überfallen wird und bei den Yakuza im japanischen Osaka daraufhin ein Beeper losgeht. Kurz danach ist nichts mehr, wie es war. Seinen Job als Aushilfssheriff am Arsch der Welt hatte sich Ulysses anders vorgestellt, friedvoller.
Ulysses, ein müder Cop, von der Frau verlassen und ein Trauma mit sich schleppend, wird dargestellt von Bob Odenkirk, der sich in den vergangenen Jahren vor allem mit den beiden »Nobody«-Filmen (2021 und 2025, geschrieben von Derek Kolstadt) einen sehr guten Ruf als Actionman erarbeitet hat. Gemeinsam mit Kolstad – der außerdem die Bücher der »John Wick«-Reihe verantwortet – hat Odenkirk auch das Drehbuch zu »Normal« geschrieben. Regie führte der Engländer Ben Wheatley, dessen Filmografie mit »schillernd« nur unzureichend beschrieben ist, die aber jedenfalls mit »Free Fire« (2016) und »Meg 2: The Trench« beachtenswerte Einträge ins Krach- und Krawallgenre vorweist. Bekannt wurde Wheatley mit den gemeinsam mit seiner Gefährtin Amy Jump geschriebenen mörderischen Independent-Bosheiten »Kill List« (2011) und »Sightseers« (2012), die auf Fantasy-Filmfesten Aufsehen erregten. Darüber hinaus gehen semiexperimentelle Seltsamkeiten wie der vom halluzinogenen Pilzrausch induzierte Schwarz-Weiß-Historienfilm »A Field in England« (2013), der gleichfalls alles andere als nüchterne »In the Earth« (2021) sowie zuletzt der quasi selbst gebastelte »Mindfuck Bulk« (2025, mit Alexandra Maria Lara und Sam Riley) auf sein Konto.
In Sachen Hemmungslosigkeit und Einfallsreichtum ist auf Wheatley erneut Verlass. Und auch diesmal ist der Erkenntnisgewinn beträchtlich, wohnt der Story von der Kleinstadt, die sich von den Yakuza zum Zwecke der Geldwäsche hat kaufen lassen, doch eine durchschlagend überzeugende allegorische Qualität inne. Anders gesagt: Kriminell ist das neue Normal. Die Kartelle haben die Konzerne abgelöst, und wer etwas vom Kuchen abhaben oder, wie die Bankräuber, nur einigermaßen über die Runden kommen will, lässt am besten Skrupel und Moral fahren. Mit dieser niederschmetternden Einschätzung zielt »Normal«, der die Normalität zu Beginn mit nur leicht ironischem Unterton als Klischee in Szene setzt, direkt auf die mit MAGA-Stolz hochgehaltenen US-amerikanischen Werte. Am Ende mag einem von all dem Geballer der Schädel brummen, noch lauter aber dröhnt es, wenn man erkennt, dass mittlerweile nicht mehr »nur« die Superreichen gierig und korrupt sind, sondern alle.





Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns