Kritik zu Mr. Gay Syria

© Salzgeber

2017
Original-Titel: 
Mr. Gay Syria
Filmstart in Deutschland: 
06.09.2018
L: 
87 Min
FSK: 
6

Ayse Toprak dokumentiert in ihrem Film den »Reality«-Wettbewerb, den der aus Syrien geflohene Journalist und Aktivist Mahmoud Hassino ins Leben rief, um auf das Schicksal muslimischer Homosexueller aufmerksam zu machen

Bewertung: 3
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Eine große Sehnsucht treibt den Journalisten und LGBT-Aktivisten Mahmoud Hassino an. Er will den Homosexuellen, die aus Syrien und anderen arabischen Ländern flüchten mussten, eine Stimme geben. Sie sollen von der Öffentlichkeit der westlichen Welt gesehen werden. Ihr Leiden und ihre Ängste sollen nicht mehr ignoriert werden. Deshalb hat Hassino, der nach seiner Flucht aus Syrien politisches Asyl in Deutschland erhalten hat, in Istanbul den »Mr. Gay Syria«-Wettbewerb ins Leben gerufen.

Auch der 24-jährige Husein sehnt sich danach, gesehen zu werden. Er, der zusammen mit seinen Eltern, seiner Frau und seiner kleinen Tochter aus dem syrischen Afrin auf die türkische Seite der Grenze gezogen ist, will als der wahrgenommen werden, der er ist. In Istanbul, wo er als Friseur arbeitet, ist das in Teilen möglich. Aber seiner sehr konservativen Familie muss er jedes Wochenende etwas vorspielen. So ist jeder Besuch bei seiner kleinen Tochter auch ein Akt der Selbstverleugnung. Um diesem zermürbenden Hin und Her zwischen Istanbul und der Provinz, zwischen seinem wahren Selbst und dem Schein, den er für seine Familie aufrechterhalten muss, zu entkommen, nimmt Husein als einer von fünf Kandidaten an Hassinos Wettbewerb teil. Anders als seine Konkurrenten stellt er sein kreatives Talent nicht mit einer Tanzeinlage unter Beweis. Er, der vor dem Krieg in Syrien Schauspiel studieren wollte, hat stattdessen eine kleine Szene geschrieben, in der er einen schwulen Sohn verkörpert, der seiner toten Mutter beichtet, wer er in Wahrheit ist.

Huseins Auftritt ist, wenn nicht der Höhepunkt, dann doch das eigentliche Zentrum von Topraks Dokumentation »Mr. Gay Syria«. Natürlich geht Husein auf der kleinen Bühne viel zu weit. Sein tränenreicher Monolog ist purer Camp. Aber gerade dieses Zuviel hat etwas Befreiendes, und das nicht nur für das exklusive Publikum in dem Nachtclub, in dem der Wettbewerb stattfindet. Huseins melodramatisches Porträt eines muslimischen Homosexuellen spricht ganz offen von dem Schmerz und der Verzweiflung, die ihn und die anderen fortwährend begleiten. In diesem Augenblick erfüllt sich seine und Hassinos Sehnsucht. Außerdem sprengt er den Rahmen von Topraks Film.

Während die türkische Regisseurin ­fortwährend auf Zurückhaltung setzt, lässt Hu­sein seinen Gefühlen freien Lauf. Insofern ist es auch kein Wunder, dass er zum »Mr. Gay Syria« gewählt wird. Sein Mut, sein Innerstes vor allen zu offenbaren, macht ihn zum idealen Sprecher der muslimischen Schwulen. Aber die Welt sieht trotzdem nicht hin. Topraks Dokumentation ist eine Geschichte des Scheiterns. Daran lässt die Filmemacherin von Anfang an keinen Zweifel. »Mr. Gay Syria« beginnt am Ende, mit Huseins enttäuschtem, aber trotz allem immer noch kämpferischen Eingeständnis, dass nichts so gekommen ist, wie er es sich ersehnt hatte. Damit verschiebt Toprak den Akzent ihrer Geschichte. Anders als Hassino und Husein, die sich dem Status quo in der muslimischen wie in der westlichen Welt entgegenstellen, will sie die Menschen nicht überzeugen. Sie begnügt sich damit, sie anzuklagen.

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