Kritik zu In meinem Kopf ein Universum

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Der polnische Autorenfilmer Maciej Pieprzyca erzählt nach wahren Begebenheiten von einem intelligenten, jungen Mann, der lange Zeit keine Chance hatte, die menschliche Sprache zu erlernen. Ein Film über einen Jungen mit zerebraler Bewegungsstörung, der aber allen Behindertenfilmklischees entgeht

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»Sein Gehirn arbeitet nicht, er ist ein Gemüse«, mit diesen Worten beschreibt die Neurologin den Jungen im Rollstuhl, der mit unkoordinierten Bewegungen daran scheitert, kleine Klötzchen in vorgefertigte Löcher zu bugsieren. Ist Mateusz (Dawid Ogrodnik) wirklich debil? Seine Mutter (Dorota Kolak) liebt ihn trotz seiner »zerebralen Bewegungsstörung«. Liebe allein reicht in diesem Fall aber nicht. Was dem Jungen fehlt, davon erzählt Maciej Pieprzyca in seinem anrührenden, aber nie gefühlsduseligen Film, der den Zuschauer zwei Stunden in Atem hält.

Wie Jim Sheridans themenverwandte Romanadaption Mein linker Fuß ist auch Mateusz' Geschichte von einer wahren Begebenheit inspiriert. In meinem Kopf ein Universum setzt allerdings eine Ebene tiefer an als Sheridans fünffach oscar-nominiertes Werk von 1989. Anders als der von Daniel Day-Lewis gespielte Christy Brown, der mit seinem linken Fuß – der einzigen Extremität, die er kontrollieren kann – irgendwann ein Stück Kreide ergreift, mit dem er das Wort »Mutter« auf den Boden schreibt, kann Mateusz (Dawid Ogrodnik) nicht aus eigener Kraft zum Ausdruck bringen, dass er ein denkendes Wesen ist, das registriert, was um ihn herum geschieht. Wie also findet der Junge wohl aus seinem Exil der Sprachlosigkeit heraus?

Um die Spannung aufrecht zu erhalten, arbeitet Pieprzyca mit einem wirkungsvollen Trick. Via Offkommentar lässt er Mateusz seine eigene Geschichte im Rückblick erzählen. Seinen schmerzlichen Weg zeichnet der Film in zwei Abschnitten nach, die sich wiederum in einzelne Kapitel unterteilen. Jeder Episode ist ein in kryptischen Zeichen verfasstes Motto vorangestellt, das man ohne Übersetzung nicht verstehen würde. Der Zuschauer befindet sich in einer ähnlichen Situation wie Mateusz, er kann nur beobachten.

Bevor der Junge in einem Heim für geistig Behinderte untergebracht wird, wächst er bei Eltern und Geschwistern in bescheidenen, aber behüteten Verhältnissen auf. Während aus dem Fernseher halblaute Nachrichten vom wachsenden Einfluss der noch verbotenen Gewerkschaft Solidarnosc und einem gewissen Lech Walesa künden, wurschtelt die polnische Arbeiterfamilie vor sich hin. Mit ihrer Heimarbeit als Schneiderin und zwei weiteren Kindern ist die Mutter eigentlich voll ausgelastet. Dass sie sich trotzdem unermüdlich um Mateusz kümmert, hat nicht nur positive Aspekte.

Dies verdeutlicht eine Schlüsselsituation, in der sie nach einer verlegten Brosche sucht. Auf eine solche Gelegenheit hat Mateusz lange gewartet. Könnte er der Mutter zeigen, dass die Anstecknadel unters Sofa gerutscht ist, dann würde sie mit einem Schlag verstehen, dass er keinen Hirnschaden hat, dass bei ihm im Oberstübchen jemand zu Hause ist! Doch daraus wird nichts. Die Tragik der Szene gipfelt darin, dass die Mutter seine ungestümen Bemühungen missversteht und ihn mit aller Kraft fixiert. Aus dem hermetischen mütterlichen Universum gibt es keinen Ausweg hinaus in die Sprache. Ihre Liebe reduziert Mateusz auf ein Pflegeobjekt.

Als Subjekt auf Augenhöhe behandelt ihn eigentlich nur der Vater. Auf liebenswürdige Weise will er ihm zeigen, dass ein Mann mit der Faust auf den Tisch hauen muss. Leider ist Papa nur die Karikatur einer Autorität. Trickreich erschwindelt er sich von seiner Frau ein Taschengeld für seinen Suff. Kurz darauf stürzt er volltrunken vom Baugerüst und bricht sich das Genick: Nicht zuletzt dank dieser rauen Poesie entsteht während In meinem Kopf ein Universum nie der Eindruck eines »Behindertenfilms«.

Die durchdachte Erzählstruktur lässt den Zuschauer an Mateusz' Innenleben teilnehmen. Man versteht aber auch, warum selbst diejenigen, die ihn mögen, in ihm nur das »Gemüse« sehen. Die zufällige Begegnung mit einer Logopädin ermöglicht ihm schließlich den Moment, den man den ganzen Film über herbeisehnte: den Ausweg aus seinem seelischen Alcatraz. Mateusz kann sich mitteilen. In einer ohne Hollywoodpathos bewegenden Begegnung am Ende richtet er schließlich den ersten Satz an seine Mutter: »Ich bin kein Gemüse«. Die dokumentarische Szene im Abspann, in der Dawid Ogrodnik dem authentischen Mateusz gegenübertritt, macht bewusst, welch außerordentliche Leistung der junge Darsteller zeigte.

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