Kritik zu Mary Poppins' Rückkehr

© Walt Disney

1965 wurde das Disney-Musical »Mary Poppins« mit fünf ­Oscars ausgezeichnet. Pünktlich zur Weihnachtszeit kehrt das zauberhafte Kindermädchen zurück, um bei Familie Banks in London erneut nach dem Rechten zu schauen

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Mary Poppins ist »das Mädchen, das solid/die Brut erzieht«, wie Mr. Banks im Musicalklassiker von 1964 singend hofft. Diese herrlich schnoddrig übersetzte Liedzeile parodiert die barsche Haltung von Vätern gegenüber Kindern in der viktorianischen Epoche – und vielleicht auch des filmischen Entstehungsjahres. »Zuckersüße Weibergeschichten« will Mr. Banks nicht dulden, sein Nachwuchs soll spuren, Vaterland, Recht und Ordnung achten, auf das Schaffen und Raffen vorbereitet werden. Wie Mr. Banks' Plan ausging, erfahren wir nun in der Fortsetzung, die ästhetisch gewissenhaft, gar hingebungsvoll, die Fäden des Originals aufnimmt.

Doch der Antriebsmotor, der Konflikt zwischen strengem väterlichen Über-Ich und kindlicher Freiheit, wurde abgeschaltet. Wenn Mary Poppins 25 Jahre später erneut einfliegt – mit Hilfe des Drachens aus dem Vorgängerfilm –, lautet ihr Ziel immer noch, »die Banks-Kinder zu versorgen«, wobei sie ausdrücklich ihre alten Schützlinge Jane und besonders Michael inkludiert. Der groß gewordene Michael ist zwar viel netter als sein Erzeuger, aber als verantwortungsvoller Vater eine unfreiwillig jämmerliche Figur. Ben Whishaw, gravierend fehlbesetzt, spielt ihn als nervösen Kindmann, der, Bankangestellter aus Pflicht, Künstler aus Neigung, zwischen Verzweiflung und Wutausbruch schwankt. Die Bank, bei der er arbeitet, droht ihm das Haus in der Cherry Tree Lane wegzunehmen. Diese Bankster-Intrige ist eine Folge seines Sich-Hängen-Lassens seit dem Tod seiner Frau, die einst die häuslichen Finanzen managte. Es obliegt seinen drei aufgeweckten Kindern, angeregt von Hausfee Mary Poppins, ihr Heim zu retten.

Musicalroutinier Rob Marshall (»Chicago«, »Into the Woods«) imitiert in der Abfolge der Abenteuer stilistisch den Vorgängerfilm. Die Musicalnummern sind nicht so hinreißend wie anno 1964, aber dennoch ein nostalgieseliger Augen- und Ohrenschmaus. Zwar soll nicht – wie in der Handlung die Turmuhr Big Ben – die Zeit zurückgedreht werden. Bedingt durch den »great slump«, die Depressionsära, herrscht nun eine düsterere Stimmung als im Fin de siècle des Vorgängers. Nach wie vor aber ist der Film eine bunt bewegte London-Postkarte. In einer psychedelischen Planschpartie taucht die Nanny mit den Kindern im Schaumbad in eine Unterwasserversion des Alltags. Statt wie einst Pflastermalereien dienen nun Porzellanmalereien als Einstieg in eine Biedermeier-Welt mit sprechenden Tieren im grafischen Disney-Zeichentrickstil der sechziger Jahre. Der vor Lachen in die Luft gehende Onkel Albert bekommt mit Cousine Topsy eine würdige Nachfolgerin: mit einer anarchischen Kopfübernummer erweist sich Meryl Streep einmal mehr als unerschrockene Rampensau. Freund Bert, nun Lampenputzer Jack (Komponist und Broadway-Star Lin-Manuel Miranda), kann auf ein auf Fahrrädern tanzendes Unterstützernetzwerk zurückgreifen. In einem rührenden Cameo erscheint Vorgänger Dick Van Dyke, jetzt real so gebrechlich wie in seiner einst greisenhaften Zweitrolle als Bankdirektor. Emily Mortimer als Aktivistin Jane ist weniger nervtötend als ihre Mutter im Vorgängerfilm – die als verzettelte Bankiersgattin und Suffragette mehr Narrenfreiheit als ihre Kinder genoss –, bleibt aber eine ähnlich überflüssige Figur. Rundum zauberhaft ist Emily Blunt, die mit exakt der richtigen Dosis augenzwinkernder Zickigkeit ihre »Dea ex Machina«-Funktion erdet.

Gegen die dramaturgische Unwucht kann diese moderne Göttin jedoch wenig ausrichten. Der bittersüße Charme des Vorgängers bestand ja in der hinreißenden Veranschaulichung jenes erwachsenen Paradoxes, nach dem der Ernst des Lebens lieber spielerisch angegangen werden sollte. Mary Poppins' pädagogischer Zauber ist mit seinem Plädoyer für Fantasie und neue Perspektiven, für eine humoristische Distanz zu den Bedrückungen des Alltags, geradezu eine Lebensphilosophie. Diese wird durch das banale neue Handlungsmotiv, den actionreichen Kampf gegen einen Schurken in der Bank, überdeckt. Übrig bleibt nicht mehr und nicht weniger als ein versierter Ausstattungsfilm.

Meinung zum Thema

Kommentare

Mit viel Vorfreude und großer Erwartung ging ich in den Film. Nun, die Story, die Lieder, die Tanzeinlagen und das ganze Drumherum geben das Gefühl wieder, welches Teil 1 hervorbrachte. Rein nach diesem Fokus, ist der Film in der Tradition von Mary Poppins 1. Beeindruckend ist auch die kurze Tanzeinlage van Dyke´s am Ende des Films.

Negativ stößt jedoch die Auskleidung des Haupcharakters auf. Die Person der Mary Poppins im Originalfilm war gekennzeichnet von einer galanten Erscheinung, vorzüglichem Verhalten und einer großen Hilfsbereitschaft und Güte, welche sich in Wort (!) und Tat zeigte. Im zweiten Teil ist Mary Poppins nun zwar auch hübsch anzusehen, jedoch ständig genervt, wenn sie etwas machen soll, spricht arrogant, oft herablassend mit ihren Gesprächspartnern, ist schnippisch und von der Liebenswürdigkeit und Güte des Originals ist sie weit entfernt. Hier entäuscht der Film auf ganzer Linie.

Vielen Dank für diesen Kommentar. Ich kann dem nur zustimmen, denn meine Gedanken nach dem Kinoerlebnis sahen in etwa so aus: „Furchtbare Besetzung von Mary Poppins und Michael Banks“, keine musikalischen Highlights, keine Phantasie, eine (schlechte) Wiederholung des ersten Films und die Grundstory ist komplett an den Haaren herbeigezogen und so gar nicht nachvollziehbar. Ich liebe Mary Poppins eigentlich, aber nach rund 30 min quälte mich der neue Film. Emily Blunt wirkt zickig und hölzern, total deplatziert. Warum hat man denn überhaupt versucht, den ersten Film mit ähnlichen Szenen nachzustellen? Grauenvoll.

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