Kritik zu Maidan

© Grandfilm

2014
Original-Titel: 
Maidan
Filmstart in Deutschland: 
03.09.2015
L: 
134 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa wurde durch seine eigensinnigen Dokumentarfilme bekannt, bevor er auch mit Spielfilmen (Mein Glück, Im Nebel) reüssierte. Im Winter 2013/14 filmte er ein halbes Jahr lang die Proteste auf dem Maidan

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 2)

Die Bilder ähnelten sich, unabhängig davon, ob sie nun aus Kairo oder ­Kiew, Istanbul oder Tunesien kamen. Immer war die Kamera mitten im Geschehen, auf Tuchfühlung mit den Protestierenden und den Kämpfenden. Die wackeligen Handkameraaufnahmen signalisierten Unmittelbarkeit. Die Revolutionen, die nun ganz entgegen Gil Scott-Herons Prophezeiung (»The Revolution Will Not Be Televised«) tatsächlich im Fernsehen übertragen wurden, waren mit einmal greifbar nah, aber deswegen noch lange nicht fassbar. Was blieb, waren weniger Erkenntnisse als vage Gefühle. Vielleicht ist es also an der Zeit, Scott-Herons berühmte Zeile umzuschreiben: »The Revolution Should Not Be Televised«, zumindest nicht so wie zuletzt immer wieder. Schließlich gibt es noch ganz andere Bilder von Revolutionen, Bilder, die nahegehen und doch immer eine intellektuelle und politische Distanz wahren, Bilder wie die in Sergei Loznitsas Dokumentation »Maidan«.

Nachdem der damalige ukrainische Präsident Janukowytsch ein über lange Zeit vorbereitetes Abkommen mit der EU doch nicht unterzeichnet hatte, begannen am 21. November 2013 auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, die Demonstrationen und Proteste. Im Lauf der folgenden Wochen und Monate wurde aus einem ungeordnet in verschiedene Richtungen wuchernden Massenprotest eine zielgerichtete und von Milizen straff organisierte Revolutionsbewegung, die schließlich am 22. Februar 2014 ihr vordringlichstes Ziel erreichte. Janukowytsch wurde seines Amtes enthoben und setzte sich wenig später nach Russland ab. Allerdings war es zuvor, in der Nacht vom 18. Februar, zu extrem blutigen Auseinandersetzungen mit zahlreichen Toten gekommen.

Sergei Loznitsa und sein Team berichten quasi aus dem Inneren dieser Entwicklung. Das Material, das sie in dieser Zeit mit auf Stativen befestigten Kameras gesammelt haben, gibt einen tiefen Einblick in die oft erratische Dynamik einer Revolution. In starren Einstellungen fängt der 1964 in Weißrussland geborene und in der Ukraine aufgewachsene Filmemacher die Bewegungen der Menschen auf dem Platz ein. Immer mal wieder hört man Fetzen aus den Reden, die auf der großen, an Pop- und Rockkonzerte erinnernden (Show-)Tribüne gehalten werden. Aber die Redner und Agitatoren, die nicht selten extrem nationalistische Töne anschlagen, bleiben mehr oder weniger im Hintergrund.

Es geht Loznitsa vor allem um die unzähligen namenlos bleibenden Menschen, die sich in dieser Zeit auf dem Maidan versammelt haben. Man sieht, wie sie zusammenstehen oder in kleinen Gruppen herumgehen, wie Einzelne von ihnen Essen austeilen oder sich ganz gezielt vor den Kameras in Szene setzen. Für Momente schälen sich in den ruhigen Einstellungen durchaus Individuen aus der Masse heraus. So erwischt sich der Betrachter immer wieder dabei, wie er seinen Blick auf ein Gesicht in der Menge fokussiert. Aber die Filmbilder selbst verweigern sich solch einer selektiven, auf den Einzelnen starrenden Wahrnehmung konsequent. Sie unterscheiden nicht. Loznitsa will die Gemeinschaft erfassen und ihre inneren Mechanismen offenlegen. Die Menge ist der eigentliche Protagonist, der schließlich mehr und mehr Macht gewinnt.

Loznitsa bleibt zwar die ganze Zeit über unter den Euromaidan-Demonstranten. Er wechselt nicht einmal die Seite zu den Truppen der Regierung. Aber er bleibt trotz allem immer auf Distanz zum Geschehen. Nur als Beobachter, der nicht selbst Partei ergreift, kann er die unterschiedlichen Facetten der Ereignisse nicht nur dokumentieren, sondern so vor uns ausbreiten, dass wir sie klar sehen. Loznitsa gewichtet nicht. Er hält einfach nur fest, wie die Polizei mit scharfer Munition auf die Demonstranten schießt, wie schwarzer Rauch von brennenden Reifen den Himmel verdunkelt, wie ein auf einem Dach positionierter Polizist von Milizen angeschossen wird. Tief in diesen Bildern einer Revolution stecken schon die Ereignisse, die ihnen folgen sollten. Der Weg in den Bürgerkrieg wurde in jenen Monaten geebnet, daran lässt Loznitsa bei aller Sympathie für den Protest gegen Janukowytsch und seine Regierung kaum einen Zweifel.

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