Kritik zu Looking for Eric

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Ken Loach ist nicht der erste Regisseur, der einem beim Stichwort Feelgoodmovie einfällt. Umso überraschender, dass sein neues Werk tatsächlich gute Laune verbreitet – vor allem dank Eric Cantonas Auftritt

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Auch Nichtfußballfans werden sich noch an Eric Cantona erinnern: Cantona sorgte 1995 für einen Eklat, als er nach einem Platzverweis im Spiel gegen Crystal Palace einen gegnerischen Fan mit einem Kung-Fu-Kick attackierte. Aktionen wie diese haben zur Legendenbildung um das französische Fußballgenie beigetragen, genauso wie seine spektakulären Tore für Manchester United und die kryptischen Westentaschenphilosophien, die er Reportern gerne in die Mikrofone diktierte. Er war die letzte große Kultfigur des englischen Fußballs vor dem Anbruch der Ära Beckham, mit der der Sport endgültig zum Event verkam. 2005 wurde der Traditionsverein ManU an den amerikanischen Milliardär Malcolm Glazer verkauft.

Kein Wunder, dass der Postbeamte Eric Bishop (Steve Evets) in Ken Loachs neuem Film »Looking for Eric« diesen goldenen Zeiten nachtrauert. Er selbst hat auch schon bessere gesehen. Seine Wohnung in einem bescheidenen Reihenhaus am Rande vom Manchester ist ein Schrein für seinen französischen Namensvetter: Sie ist vollgestellt mit Cantona-Memorabilia; als Poster hängt er, mit seinem Markenzeichen, dem hochgestellten Trikotkragen, lebensgroß an der Wand.

Fußball ist der Fluchtpunkt in Erics Leben. Seine zwei Stiefsöhne aus zweiter Ehe bereiten ihm ständig Probleme, seine Tochter aus erster Ehe zieht ein Baby ohne Vater auf und muss obendrein für ihren Uni-Abschluss büffeln. Ihrer Mutter Lily (Stephanie Bishop), seiner Jugendliebe, die er als Zwanzigjähriger hochschwanger sitzenließ, trauert Eric immer noch nach. Als er ihr nach Jahren das erste Mal wieder begegnet, versetzt ihm das einen derartigen Schock, dass er mit seinem Auto prompt falsch in einen Kreisel fährt und daraufhin im Krankenhaus landet. Auch die Versuche seiner Arbeitskollegen, wie er hartgesottene ManU-Fans, ihn aufzuheitern, scheitern kläglich. In dieser Lebenskrise kann Eric nur einer helfen: der große Gebrauchsphilosoph »King Eric«, wie Cantona von seinen Fans genannt wurde. Und tatsächlich, als Eric eines abends etwas Gras aus dem Zimmer seines Sohnes raucht, steht sein Held plötzlich leibhaftig vor ihm. Cantonas praktische Ratschläge wirken Wunder. Erics Leben nimmt eine Wendung zum Positiven.

Man muss kein Fußballfan sein, um Loachs Film zu mögen. Auch wenn »Looking for Eric« einen entschieden leichteren Ton als in seinen letzten Thesenfilmen anschlägt, hat er das typische Loach-Flair, nicht zuletzt weil er mit Steve Evets und Stephanie Bishop zwei unverbrauchte Schauspieler gefunden hat, zwischen denen die Chemie stimmt. Ihre behutsame Annäherung wird nicht durch dramatische Verwicklungen forciert, Loach und sein langjähriger Autor Paul Laverty erzählen ihre Begegnung in einem beiläufigen, ungezwungenen Tonfall. Loach neigt in der Beschreibung von Klassenverhältnissen oft zu romantischer Verklärung, doch wenn es um zwischenmenschliche Beziehung geht, finden seine Filme glücklicherweise immer die nötige Zurückhaltung, die seine Figuren vor Überzeichnung bewahrt.

Aber »Looking for Eric« ist natürlich auch eine unverhohlene Hommage an Eric Cantona, der sich hier selbst spielen darf (»luimême« steht im Abspann anstelle seines Namens). Cantona hat zuvor bereits schauspielerische Erfahrung gesammelt, unter anderem ist er in »Elizabeth« an der Seite von Cate Blanchett zu sehen gewesen.

In »Looking for Eric« spielt er in den wenigen Szenen mit Evets seinen trockenen Humor aus, den er schon als Spieler in seinen Kommentaren manchmal durchblitzen ließ. Er hat merklich Freude daran, sich selbst ein kleines Denkmal zu setzen, ohne – wie so oft auf dem Spielfeld – die Diva raushängen zu lassen. »Du bist ja auch nur ein Mensch«, sagt sein neuer Schützling einmal zu ihm. »Ich bin kein Mensch«, entgegnet der, »ich bin Cantona.« Den hohen Identifikationsgrad der englischen Arbeiterklasse mit ihren Fußballvereinen hat Loach schon in früheren Filmen immer wieder thematisiert. In »Looking for Eric« leistet er sich nur kleine Seitenhiebe auf die Kommerzialisierung des Fußballs; sie sind lediglich Fußnoten, Punkte, die Loach machen will, ohne dass er die Parteinahme Erics und seiner Kumpel für den Kommerzverein problematisieren muss. Was auch zeigt, wie gelassen sich Loach mit »Looking for Eric« gibt. Ein solches Feelgoodmovie hätte man nach seinen letzten, mitunter allzu verbissenen Filmen nicht unbedingt erwartet.

Doch bei aller Unbeschwertheit ist »Looking for Eric« nicht durchweg gelungen. Loach hat sich über die Jahre als sehr unbeständiger Regisseur erwiesen: Seine Filme sind meistens entweder zu didaktisch oder menscheln etwas zu sehr. Das letzte Drittel von »Looking for Eric« fällt aus dem Rahmen: Als würde der gemächliche Rhythmus nicht reichen, stülpt er der Geschichte am Ende noch einen dramatischen Plot über. Dem Spaß tut das keinen Abbruch. Aber es zeigt auch schmerzlich die Grenzen von Loachs Kino auf.

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