Kritik zu Kopfplatzen

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Selbst auferlegtes Gefängnis: Zwischen Einfühlung und Problematisierung versucht Savaş Ceviz in seinem Spielfilmdebüt, die Psyche eines Pädosexuellen zu ergründen

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Auge in Auge stehen sie sich mehrfach gegenüber: der Wolf, eingezäunt in einem Gehege, und der Architekt Markus. Das wilde Tier und der Mann, der mit Mühe seine kultivierte Fassade aufrechtzuerhalten versucht. Markus liebt kleine Jungs, fühlt sich sexuell zu ihnen hingezogen. Sein Gefängnis ist der Trieb, die Gitterstäbe die selbst auferlegte Einsamkeit. Mit kühlen, auf den Punkt komponierten Bildern von Kamerafrau Anne Bolick (»Schwimmen«) sehen wir den Mann als von der Welt Getrennten: Hinter seinem Fenster beobachtet er die draußen spielenden Kinder, mit der Kamera fotografiert er Jungs in einem Film auf seinem Fernseher. 

Das Kino hat sich vielfach an krankhaften sexuellen Trieben abgearbeitet. Man denke an Matthias Glasners »Der freie Wille«, das schwer zu ertragende Porträt eines Vergewaltigers. Oder an »Shame«, Steve McQueens nüchtern-intensive Charakterstudie eines Sexsüchtigen, mit dem »Kopfplatzen« wesentlich mehr gemein hat. Wie der englische Regisseur baut auch Savaş Ceviz nicht auf ausgestellte Drastik, sondern auf psychologische Beklemmung. Er nimmt uns mit hinein in den Kopf des pädosexuellen Markus, lässt uns mit dessen Augen die Welt sehen. Es ist eine Gratwanderung zwischen Einfühlung und Problematisierung, die Ceviz konsequent gelingt. Dass »Kopfplatzen« sein Langfilmdebüt ist, möchte man kaum glauben.

Mit bedrohlicher Ruhe folgt der Film Markus. Der fotografiert Kinder im Schwimmbad, stellt im Park einem Jungen nach, masturbiert zu Hause, wild und angewidert zugleich. Markus will das nicht, kann aber nicht anders und versucht deshalb, soziale Kontakte zu meiden. Mit dem Einzug der neuen Nachbarin Jessica (Isabell Gerschke) bekommt sein Trieb ein neues, greifbares Ziel: ihren achtjährigen Sohn Arthur (Oskar Netzel).

»Was aus Liebe getan wird, erscheint immer jenseits von Gut und Böse«, lautet das Nietzsche-Zitat, das einmal in Markus' Wohnung zu sehen ist. Gemeinsam mit Arthur wird er in der Badewanne sitzen, beim Sex mit der in ihn verliebten Jessica wird er ein Bild des Jungen anschauen. Es sind verstörende Szenen. Der Film stilisiert Markus allerdings niemals zum Monster, wir kommen ihm nahe, dennoch bleibt er uns fern.

»Kopfplatzen« ergründet die psychische Störung und zeigt auch systemische Fehler auf: Als Markus sich überwindet und seinem Hausarzt von seinen Lüsten erzählt, verweist der ihn angewidert der Praxis. Pädosexualität ist eine Störung, für die die Betroffenen nichts können. Sie ist nicht heil-, aber behandelbar und darf nicht auf ärztliche Ablehnung stoßen.

Markus ist jemand, der aus dem »Karussell«, wie er es einmal nennt, zu entkommen versucht, der den immer mehr Platz einfordernden Trieb unter Kontrolle bringen will. Max Riemelt spielt diese schwierige Rolle mit minimalistischer Bravour. Er ist der schweigsame Wolf, eine tragische, zerrissene Persönlichkeit. Am Ende zeigt der Film Lösungswege auf. Und deutet zugleich an: Trotz Einsicht kann der Kopf platzen. Wie bitter und ehrlich.

[Hinweis: Statt im Kino ist der Film nun direkt bei Salzgeber als Video On Demand zu sehen]

Meinung zum Thema

Kommentare

Es ist fast immer ein eigenartiges, auch irritierendes und nicht nachvollziehbares Stilmittel, wenn der Autor eines Texts, meist in Filmbesprechungen, urplötzlich, aus heiterem Himmel ins Futur wechselt, mal für einen Satz, zwischen anderen Sätzen im Präsens, mal gar nur für einen Halbsatz, ohne dass es einen logischen Grund dafür gäbe. Warum steht die Inhaltsangabe in der Rezension weitestgehend im Präsens, wir erfahren, was die Hauptfigur tut und was wir im Film sehen – und dann springt es unvermittelt im selben Absatz für "...wird er in der Badewanne sitzen (...) wird er ein Bild des Jungen anschauen" in eine andere Zeitebene, als würde das im Film nicht passieren, als wäre es nach dem Film oder in der Vorstellung des Rezensenten?
Dann aber geht es, für den Rest des selben Absatzes, wieder im Präsens weiter. Warum steht da dann nicht konsequent "Es werden verstörende Szenen sein (...) wir werden ihm nahe kommen, dennoch wird er uns fernbleiben" ??

Welchen Zweck verfolgen Filmrezensenten immer mit dieser eigenartigen Irritationstechnik?

Der Begriff "pädosexuell" wird in der Kritik falsch verwendet. Offenbar ist die Hauptfigur pädophil. Den Unterschied sollte man kennen: Pädophile – also Menschen, die sich von Kindern sexuell angezogen fühlen – werden nicht automatisch zu Tätern. Pädosexuell ist ein Pädophiler, der (es gibt nur sehr wenige pädophile Frauen) tatsächlich und in welcher Form auch immer Minderjährige missbraucht. Pädosexuelle sind immer Täter. Pädophile nicht unbedingt, und diese Menschen mit einer angeborenen unglücklichen Neigung verdienen unseren Respekt, wenn es ihnen gelingt, das nicht auszuleben. Deshalb ist die begriffliche Distinktion wichtig. Ich beziehe mich auf: Nina Apin, Der ganz normale Missbrauch, Ch. Links Verlag

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