Kritik zu Schwimmen

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Ein Coming-of-Age-Film, der zugleich ein Kinoerlebnis ist: Luzie Loose schildert in ihrem Debütfilm das Auf und Ab einer Mädchenfreundschaft

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In Luzie Looses Film »Schwimmen« geschieht, was zu einem landläufigen Coming-of-Age-Film gehört: Zoff mit Vater und Mutter, Mobbing in der Schule, Abtauchen in den Rausch. Aber so intensiv und zärtlich, wie die 30-jährige Regisseurin und die jungen Schauspielerinnen im Mittelpunkt die fragile Freundschaftsgeschichte zweier Mädchen erzählen, ist dieser Debütfilm über seine pädagogisch womöglich verwertbaren Themen hinaus vor allem ein mitreißendes Kino-Erlebnis.

Mit feinem Gespür für das diffuse Gemenge aus Angst und Abenteuerlust, Schmerz und Verstocktheit, das die Protagonistinnen umtreibt, beschreibt Loose einen Sommer des Hochgefühls, ein buchstäbliches Schwimmen zwischen den Machtspielen der Gleichaltrigen, der trotzigen Ablösung von den Eltern und dem noch kindlichen Leiden unter ihrer mangelnden Zuwendung, bis am Ende ein unerwarteter Befreiungsschlag gelingt.

Anfangs scheint nur die 15-jährige Elisa (Stephanie Amarell) in der Krise zu versinken. Der Umzug nach der Trennung der Eltern macht ihr zu schaffen, auch die Verbitterung ihrer Mutter und nicht zuletzt eine körperliche Schwäche, die das blasse, schweigsame Mädchen zum »Opfer« stempelt. Elisa fällt ab und an in Ohnmacht, sie findet sich danach in zotigen Videos wieder, kann sich aber gegen die Schikanen der Mitschüler nicht wehren.

Erst Anthea (Lisa Vicari), die Neue in der Klasse, fegt die Mobber mit ihren Sprüchen vom Hof. Die extrovertierte junge Frau weiß auch, wie cooles Styling auszusehen hat und wie man im Späti Sekt organisiert. Sie möchte Schauspielerin werden, Elisa soll sie mit ihrer Videokamera für kommende Castings filmen. Dafür hilft sie der Freundin aus dem Kokon heraus. Mit Anthea und ihrem Bruder Pierre (Jonathan Berlin), beide im klassischen Trotz gegen ihren Vater verbündet, lernt Elisa das Alleinsein zu vergessen und harte Schnäpse und unbekannte Pulver zu kosten. Die Tage auf dem Schulhof sind eine Quälerei, die Nächte ein Trip durch Farben und Klänge.

Alle Mutproben gelingen, auch als Elisa zur Boje im Schlachtensee hinausschwimmt und Anthea ihr hilft, die Angst vor dem Wegdriften im Wasser zu überwinden. Immer wieder kehren sie zu dem waldumsäumten See zurück. Nachtschwarz stellt das Schilfufer mit seiner magischen Geräuschkulisse schließlich auch den Ort der Entscheidung dar.

Die Freundschaft beginnt zu kippen, als die Mädchen selbst zu Stalkerinnen werden. Sie verwickeln jeden von Elisas Mobbern heimlich in eine peinliche Szene und verbreiten das bloßstellende Video. So, fordert Anthea, müsse es auch mit Bildern von Elisas einzigem Freund in der Klasse weitergehen, den sie für die Drogensucht ihres Bruders verantwortlich macht. Nur wenn er nachts zur Boje schwimmt, soll das Video gelöscht werden. »Schwimmen« macht am Ende in einer wortlosen Geste deutlich, wie souverän die zuvor schüchterne Elisa ihr Dilemma löst. Erwachsenwerden ist eine Art Freischwimmen von Gängelei, Looses Film erzählt von dieser sinnlichen Erfahrung.

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