Kritik zu Houston

Die kältere Welt des Kapitalismus: Ulrich Tukur glänzt als Headhunter, dessen Leben auf der Jagd nach einem Top-CEO aus den Fugen gerät

Bewertung: 3
Leserbewertung
3.5
3.5 (Stimmen: 2)
Es sind überraschende Tränen, die die Frau auf der Rückfahrt vergießt. War es nicht ein heiterer Abend, den sie gemeinsam mit ihrem Mann auf der Party verbracht hat? Dass ­Christine Trunschka (Jenny Schily) so verzweifelt ist, während sie den schlafenden Clemens (Ulrich Tukur) nach Hause fährt, muss andere Gründe haben. Vermutlich weiß sie von seinem Alkoholproblem. Und wahrscheinlich haben sich die Tragödien zwischen ihnen bereits an anderen Tagen abgespielt. Oder es ist eben doch etwas vorgefallen, und wir haben es bloß nicht gesehen. Es steht jedenfalls nicht gut um die Trunschkas und ihre Ehe.
 
 
Immer wieder schildert dieser Film seine Geschichte so rätselhaft und vieldeutig; Regisseur Bastian Günther (Autopiloten) macht ein Kino der Leerstellen, bei dem man sich nie ganz sicher sein kann, ob die Erzählweise nun kryptisch, elliptisch oder vielleicht doch ein klein wenig dilettantisch ist. Reizlos ist sie jedenfalls nicht: Mit ihrem Mut zur Lakonie und Ereignislosigkeit ist Houston eine sehr eigenwillige deutsche Produktion, ein Film, der thematisch zwar klar im Hier und Jetzt verortet ist, dessen Stil aber eher auf die Sinnsucher-Roadmovies des New Hollywood und auf das Frühwerk von Wim Wenders verweist.
 
Im Zentrum steht jener Clemens, ein Headhunter, der von einer deutschen Automobilfirma den Auftrag erhält, den Topmanager eines amerikanischen Ölmultis abzuwerben. Das vorgesehene Meeting bei einer Fachtagung kommt nicht zustande, und so muss Clemens in Texas einen weiteren Versuch starten. Vordergründig geht es also um eine (Kopf-)Jagd, um die Methoden, die so ein Rekrutierungsspezialist auf höchstem Business-Niveau anwendet. Die heikle Tätigkeit erweist sich allerdings als ziemlich dreckiges Geschäft; um an sein Objekt heranzukommen, durchwühlt Clemens Mülltüten, er lügt und betrügt, versucht es schließlich gar mit Erpressung. Er ist halb Privatschnüffler, halb Kleinkrimineller – und der Film lässt keinen Zweifel daran, dass es diese seelenlose, er­niedrigende Arbeit ist, die ihn zum Pegeltrinker und einsamen Wolf gemacht hat.
 
 
Eine ähnlich traurige Existenz begegnet ihm in Robert Wagner (Garret Dillahunt), einem Hotelkontrolleur, der zunächst die typisch amerikanische Unbekümmertheit an den Tag legt, in Wirklichkeit aber ebenfalls an seinem Job zugrunde geht. Die beiden bilden eine eher unwahrscheinliche Allianz, als Clemens den Eindruck gewinnt, der aufdringliche Robert könne ihm womöglich ein Entree bei seiner Zielperson verschaffen. 
 
 
Stark ist Houston immer dann, wenn der Plot in den Hintergrund gerät. Die texanische Metropole mit ihren glänzenden Oberflächen und ihrer rechtwinkligen Geometrie inszenieren Günther und sein Kameramann Michael Kotschi eindrucksvoll als hartes und kaltes Territorium, aus dem jede Lebendigkeit gewichen ist. Und Ulrich Tukur ist mit seiner reduzierten Spielweise ein Ereignis; ihm beim Sinnieren und Leiden zuzusehen, ist oft interessanter, als den kargen Windungen der ­"Story" zu folgen. Die ist immer dann lächerlich, wenn sie allzu sehr auf Zufälle setzt oder sich auf ungelenke Weise Elemente des Thrillers ausleiht.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns