Kritik zu A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani

© Neue Visionen Filmverleih

Erneut erkundet Asghar Farhadi die Widersprüche der iranischen Gesellschaft mit den Mitteln des Alltagsthrillers. Sein Held gerät in das Fegefeuer einer Gegenwart, die zwischen Wahrheit und Anschein nicht unterscheiden kann

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Es müsste ihm längst vergangen sein, aber Rahim hält unbeirrt an seinem Lächeln fest; selbst dann noch, als er immer tiefer ins Räderwerk der Ereignisse gerät. Es ist heiter und entgegenkommend, ein Vorschuss, den er jedermann gewährt. Ein Bitten liegt auch darin. Aber je länger er es aufsetzt, desto verdächtiger mutet es an: Ist er ein Allerweltsfreund seinem Wesen nach oder aus Berechnung?

Asghar Farhadi hält die Antwort in der Schwebe. Die moralische Position, die er bezieht, ist die Geduld. Zunächst einmal zeigt er Rahim als einen Opportunisten in dem noch unverfänglichen Sinne des Ergreifens der Gelegenheit. Wegen einer Geldschuld verbüßt er eine Haftstrafe und will einen Freigang nutzen, um seinen Gläubiger zu beschwichtigen. Es trifft sich, dass seine Freundin kurz zuvor eine Handtasche voller Goldmünzen gefunden hat. Der Schatz ist jedoch weniger wert als erwartet, und Rahim beschließt, der Besitzerin die Handtasche zurückzugeben. Er sucht die Unbekannte mittels eines Aushangs, auf dem er die Telefonnummer des Gefängnisses angibt. Als die Leitung davon erfährt, unterrichtet sie die Medien. Der Finder wird als Held gefeiert, bis sich die Zweifel an seiner Geschichte mehren. Die Besitzerin der Tasche bleibt spurlos verschwunden. Um seinen Ruf wiederherzustellen, verstrickt Rahim sich zusehends in Lügen.

Wieder einmal lässt Farhadi sein Drehbuch um eine Ellipse kreisen. Den Augenblick, in dem Rahim seine Entscheidung trifft, spart er aus. Er ist intim. Der erzählerische Respekt davor schlägt bei diesem Filmemacher zuverlässig in Strategie um. Wie aufrichtig Rahims nachträgliche Einsicht ist, steht für den Rest des Films auf dem Prüfstand. Das Publikum bleibt unerlöst, weil es in die innere Wahrheit nicht eingeweiht ist. Diese Außenperspektive ist auch insofern ertragreich, als Farhadi eine Gesellschaft por­trätiert, in der öffentliches Ansehen und Ruf die kostbarste kursierende Währung sind. 

Rahims Leben wird gnadenlos unter die Lupe genommen von einer Medienmaschinerie, die nicht an Wahrheit, sondern Wirkung interessiert ist. Die sozialen Medien ziehen die Schraube des Verhängnisses noch hastiger, unerbittlicher an. Farhadis Blick auf die Wirklichkeit hingegen gleicht der eines Archäologen der unmittelbaren Gegenwart. Schicht um Schicht legt er frei, um das gerade zuvor Geschehene zu ergründen. In dieser Welt hat niemand Grund, sich selbst zu trauen. Jeder offenbart im Verlauf der Handlung ein anderes Gesicht. Das anfängliche Wohlwollen der Gefängnisleitung und die Gunst der Wohltätigkeitsorganisation, die sich für Rahim einsetzt, entpuppen sich als abwägend eigennützig. Nur die Solidarität seiner Familie und seiner Freundin wankt nicht – ebenso wenig wie der Hass des Gläubigers und seiner Tochter.

Farhadi setzt den Kreuzgang seines Protagonisten in einem mythisch aufgeladenen Realismus in Szene. Die Szenerie spielt dem zu. Eingangs entwirft er ein majestätisches Panorama der hoch aufragenden Ausgrabungsstätte von Naqsch-e Rostam, wo die Gräber der Helden der persischen Geschichte liegen. Deren Monumentalität kann und will der Film nicht in Einklang bringen mit dem eigentlichen Schauplatz, der in Reichweite liegt: Schiras, die Stadt der Dichter, Orangenhaine und Teppiche. Davon sind bei Farhadi allenfalls Letztere präsent. Er erkundet die südiranische Metropole vielmehr als ein Terrain des modernen Alltags. Als ein zentraler und bezeichnender Schauplatz dient die Einkaufspassage, ein schäbiges Labyrinth des Kommerzes, in dem die Tragödie einst seinen Anfang nahm und später zu eskalieren droht. 

Eine Tragödie braucht freilich einen Helden. Rahim ist kein Held der Tat, eher einer der Unterlassung und der späten Erkenntnis. Aber es wäre falsch, den Filmtitel als bloße Ironie zu lesen. In der letzten Volte des pedantisch konstruierten Drehbuchs beweist Farhadis Protagonist, dass er sehr wohl den Unterschied kennt zwischen gutem Ruf und Ehre.

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