Kritik zu Eine fantastische Frau

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Für seinen Film »Gloria« gab es auf der Berlinale 2013 den Silbernen Bären für die beste Haupt­darstellerin, mit seinem neuen Film über eine transsexuelle Frau konnte der chilenische Filme­macher Sebastián Lelio im vergangenen Februar den Preis fürs beste Drehbuch gewinnen

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Der Blick des Arztes ist vernichtend. Marina, die gerade ihren deutlich älteren Geliebten verloren hat und noch gar nicht fassen kann, was in dieser Nacht geschehen ist, bräuchte eigentlich Zuspruch oder zumindest ein wenig Mitgefühl. Doch statt Trost hat der Mediziner nur Ekel und Verachtung für die junge Transsexuelle übrig. In seinen Augen liegt aber nicht nur Abscheu. Sie erheben zugleich Anklage. Orlando ist zwar an einem Blutgerinnsel im Kopf gestorben. Aber so wie der Arzt Marina behandelt, ist es offensichtlich, dass er ihr auf jeden Fall eine Mitschuld unterstellt. Wenig später ist es dann ein Polizist, der die Trauernde wie eine Verdächtige behandelt und ihr vorwirft, dass sie das Krankenhaus überstürzt verlassen habe. Dass Marina einfach mit ihren Gedanken und ihrer Trauer alleine sein wollte, ist für die Männer und Frauen, die auf sie herabblicken, schier unvorstellbar.

Sebastián Lelios »Eine fantastische Frau« ist ein Film der Blicke, und fast alle richten sich auf die von Daniela Vega gespielte Marina. Zunächst ist es der verliebte Orlando, der seine Augen nicht von ihr lassen kann. Als er sie an diesem schicksalhaften Abend in einer noblen Hotelbar abholt, in der Marina gerade ein kleines Konzert gegeben hat, liegt unendlich viel Sympathie und Liebe in den Blicken, die er ihr zuwirft. Für ihn ist sie »eine fantastische Frau«. Und diese Wahrnehmung fängt der in Argentinien geborene chilenische Filmemacher auf grandiose Weise ein.

In diesen kurzen, so tragisch endenden Szenen zwischen Orlando und Marina feiert Lelio weit mehr als nur die Schönheit und Noblesse der transsexuellen Sängerin und Schauspielerin Daniela Vega. Sie sind zugleich Ausdruck einer anderen Sicht auf die Welt und die Menschen. Lelios Blick ist frei von allen Vorurteilen und moralischen Dogmen. Es geht nicht darum, zu vergessen, dass Marina einmal Daniel hieß und im Körper eines Mannes geboren wurde. Das ist Vergangenheit. Nun lebt sie als Frau, und nur das sollte für die Menschen um sie herum von Bedeutung sein. Aber ihre Realität sieht ganz anders aus. Die Blicke des Arztes im Krankenhaus und das kalte Beharren des von der Klinik gerufenen Polizisten, der darauf besteht, Marina Daniel zu nennen, sind nur ein erster Vorgeschmack auf alles, was sie noch erwartet.

Orlandos Familie setzt Marina gleich nach dessen Tod massiv unter Druck. Sie soll sein Auto abgeben und möglichst schnell aus seiner Wohnung ausziehen. Außerdem darf sie weder zur Totenwache noch zur Beerdigung ihrer großen Liebe kommen. Die Familie will unter sich bleiben und noch den kleinsten Hinweis auf Orlandos Beziehung zu Marina für immer aus der Welt schaffen. Während seine Exfrau Sonia (Aline Küppenheim) zumindest noch Reste einer bürgerlichen Fassade wahrt und Marina nur verbal unter Druck setzt, schreckt Orlandos Sohn Bruno (Nicolás Saavedra) auch nicht vor körperlicher Gewalt zurück. Zusammen ­mit zwei Freunden entführt er Marina, demütigt sie und setzt sie schließlich auf dem Straßenstrich aus. Die Botschaft ist eindeutig.

Ebenso eindeutig setzt auch Sebastián Lelio alle die in Szene, die Marina ablehnen und ausgrenzen, drangsalieren und letztlich sogar terrorisieren. Bruno und seine Kumpel sind ebenso Karikaturen wie der Arzt, der Polizist und die Kriminalbeamtin, die vorgibt, nur im Sinne der jungen Frau zu handeln und sie doch längst vorverurteilt hat. Natürlich spiegeln sich in diesen eindimensionalen Figuren die gesellschaftlichen Verhältnisse Chiles wider. In diesem immer noch von Diktatur und Katholizismus geprägten Land, in dem traditionelle Vorstellungen und Ideale das Verhältnis der Geschlechter bestimmen, kann die »fantastische Frau« Marina nur eine Außenseiterin sein. Dennoch könnte Lelio denen, die er eigentlich eines Besseren belehren möchte, zumindest ein wenig Gerechtigkeit widerfahren lassen. Durch die extreme Schwarz-Weiß-Zeichnung nimmt er letztlich Marinas Geschichte etwas von ihrer Kraft und Wirkung und untergräbt so Daniela Vegas ebenso mutiges wie berührendes Porträt einer Frau, die sich trotz aller Widerstände ihre Würde bewahrt.

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