Kritik zu Everest

© Universal Pictures

Abenteuerlust, Geschäftssinn und Naturgewalt – in diesem gefährlichen Dreieck entfaltet sich Baltasar ­Kormákurs 3D-Bergdrama. Es beruht auf wahren Ereignissen der 90er Jahre, die von Jon Krakauer in einem Bestseller beschrieben wurden

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2.7 (Stimmen: 3)

Sie haben klingende Namen, in denen sich insgeheim die Absurdität ihrer Unternehmungen andeutet. »Adventure Consultants« und »Mountain Madness« heißen die schicken Bergführerfirmen, die in den 90er Jahren das Bergsteigen im Himalaya revolutioniert und für mehr oder weniger begabte Amateurkletterer zugänglich gemacht haben. Ihre Geschichte, die im Jahre 1996 in eine irrwitzige Tragödie mündete, erzählt nun Baltasar Kormákur in seinem aufwendigen in 3D gedrehten Film.

Beim Bergfilm besitzen ähnlich wie beim Sexfilm gerade die Anfangsszenen einen besonderen Reiz. Als Szenen voller Erwartungen schildert Kormákur die Annäherung an das Dach der Welt. Zuerst ist da die aus allen Nähten platzende Stadt Katmandu. Dann geht es höher: zu einem  Kloster, zu einem Bergdorf, schließlich zum Basiscamp am Everest. Stationen der Abenteuerlust sind das, auch der Ungewissheit und einer starken Ahnung des Leidens.

Kormákurs digitales 3D lässt das Hochgebirge wie eine bizarre Spielzeuglandschaft erscheinen. Die schiere »Körperlichkeit« der Berge geht dabei verloren, die Giganten wirken in 3D eher zeichenhaft. Die Natürlichkeit der Landschaft wird ersetzt durch eine gewisse Künstlichkeit. In einer spektakulären Einstellung, in der die Bergsteiger über eine unendlich lange, schmale Hängebrücke schreiten, die über eine unendlich tiefe Schlucht führt, gewinnt man den Eindruck, die Kletterer würden ein Land der inneren, der seelischen Zustände betreten. Ein Gewimmel von Menschen umgibt den Everest hier von Anfang an. Und dieses Gewimmel scheint, je höher die Stationen reichen, nicht geringer zu werden. Es gibt keine Einsamkeit am Berg, nur gehetzte, besessene, sehr klein erscheinende 3D-Menschen.

Die Demokratisierung der Bergsteigens: das ist die auch schöne Idee hinter dem Geschäftsmodell von Rob Halls »Adventure Consultants«. Hall, gespielt von Jason Clarke, ist der versteckte, tragische Held des Films. Ein Bergführer und Organisator, der gleichsam vermitteln will zwischen sein obsessiven Klienten und dem Berg. Ein fast zurückhaltender Pragmatiker, mehr Idealist als Geschäftsmann. Ein Consultant für das größte Abenteuer, ein Consultant für das Chaos der Natur. Vielleicht liegt darin seine Hybris: das Unmögliche zu ermöglichen. Zu Hause in Neuseeland wartet seine hochschwangere Frau auf seine Rückkehr.

Im Gegensatz zu Hall, dem Vertreter der »Anything goes«-Generation der 90er, wirkt sein Konkurrent Scott Fisher von »Mountain Madness« wie ein Wahnsinniger der Berge. Jake Gyllenhaal spielt ihn als Späthippie, der anscheinend den in alten Bergfilmen beschriebenen Dämonen des Himalaya ins Auge geschaut hat. Fisher ist desillusioniert, zugedröhnt von Schmerz- und Aufputschmitteln. Die Gipfel und Abgründe im Innenleben all der Everest-Amateure scheinen ihm mehr zuzusetzen als die tödliche Höhenluft.

Die Amateure stellt Kormákur zum Glück nicht als Karikaturen dar, sondern durchaus als komplexe Bergcharaktere. Etwa den reichen, rauen Texaner Beck Weathers, von Josh Brolin gespielt als Mann in der Krise, der aus der unerträglichen Idylle seiner Familie in die Leidenschaft des Himalaya flüchtet. Oder den unscheinbaren, willensstarken Dougie (John Hawkes), der sein letztes Geld für den großen Traum geopfert hat. Oder auch Jon Krakauer (Micheal Kelly), der als beobachtender Journalist den Aufstieg unternimmt und in hilfloser Beobachtung gefangen bleibt.

Viele der Bergsteiger, ob Profis oder Amateure, eint, dass die Welt, die sie für ihren Trip hinter sich gelassen haben, am Himalaya verstärkt zurückkehrt. Und die moderne Technik ermöglicht direkte, private Verbindungen bis in die Todeszone. »Everest« ist auch ein Melo des Mobilfunks, wobei Kormákur leider den irrationalen Telefonaten zwischen den Dimensionen zu wenig emotionale Power abgewinnt.

Die Ursachen der Katastrophe am höchsten Gipfel, der übrigens als Mix aus Schmutz und Schönheit gezeigt wird, liegen vordergründig in technischen Schlampereien. Im Grunde aber, so die bittere Ironie des Films, sind die Wurzeln auch in Halls Optimismus, seiner Gutmütigkeit, seinem Glauben an träumerische Kraft und Willensstärke zu suchen.

Das großartigste und schmerzlichste Bild von Kormákurs Genrefilm ist das von Dougie, wie er sich in seinem kanariengelben Overall zum Gipfel hochschleppt, lächerlich und verloren, großartig und zutiefst destruktiv. Ein veritables Bild des Mountain Noir.

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